Fast jedes zweite deutsche Industrieunternehmen (43 %) ist stark von neuen Handelshemmnissen betroffen, jedes zehnte (11 %) sogar sehr stark. Unter den betroffenen Unternehmen setzen jeweils rund 47 % an Absatzmärkten und Produktion an: Sie richten Märkte neu aus und bauen identische Produktionslinien im Ausland auf oder planen dies. Knapp jedes dritte Unternehmen baut Produktionskapazitäten in den USA oder China auf beziehungsweise aus oder plant dies. Das zeigt eine aktuelle Befragung von Vorständen und Geschäftsführern deutscher Industrieunternehmen durch das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag von FTI-Andersch.
Unternehmen versuchen über Verbände politischen Einfluss zu gewinnen
Das Institut für Demoskopie Allensbach hat insgesamt 169 Top-Manager deutscher Industrieunternehmen telefonisch befragt, im Auftrag von FTI-Andersch, der auf Restrukturierung, Business Transformation und Transaktionen spezialisierten Beratungseinheit von FTI Consulting. Unter den vom Protektionismus betroffenen Unternehmen versuchen bereits vier von fünf (80 %), über ihre Verbände oder direkt selbst politischen Einfluss zu nehmen, um auf die Belastungen durch Handelshemmnisse aufmerksam zu machen.
„Der Dialog mit der Politik ist wichtig – aber er ersetzt keine Entscheidungen im Unternehmen. Protektionismus ist inzwischen eine Planungsgröße: Wer erst reagiert, wenn Zölle steigen, verliert Zeit, Marge und Lieferfähigkeit“, sagt Jens Paulus, Senior Managing Director und Head of Geopolitical Risk Services bei FTI Consulting Deutschland. „Entscheidend ist, wie Unternehmen ihr Markt- und Produktionsmodell sowie ihre Lieferketten so aufstellen, dass sie auch bei kurzfristigen Änderungen im Zoll- und Handelsregime handlungsfähig bleiben.“
Von Protektionismus betroffene Firmen passen Marktausrichtung und Produktion an
Zu den häufigsten direkten Reaktionen der betroffenen Unternehmen gehören Anpassungen von Märkten und Produktion. Rund 47 % der vom Protektionismus betroffenen Unternehmen richten ihre Absatzmärkte stärker auf weniger von Zollschranken betroffene Regionen aus oder planen diesen Schritt. Ein ähnlich großer Anteil baut identische Produktionslinien im Ausland auf oder zieht dies in Betracht, um Produkte bei tarifpolitischen Veränderungen direkt im Zielmarkt fertigen zu können.
39 % passen ihr Produktportfolio an oder planen dies, um künftig weniger zollintensive Produkte zu priorisieren. Größere Standortentscheidungen bleiben seltener, finden aus volkswirtschaftlicher Sicht jedoch bereits signifikant häufig statt: Knapp ein Drittel (32 %) baut Produktionskapazitäten in den USA oder China auf oder aus, 21 % ziehen Investitionen aus besonders exponierten Regionen zurück oder planen diesen Schritt. Geopolitisch flexible Lieferverträge mit Ausstiegsklauseln nutzen oder planen 24 %, Joint Ventures in Drittstaaten 16 %.
„Viele Unternehmen sind bereits in die Umsetzung gegangen. Aber es sind noch zu wenige. Wer jetzt handelt, gewinnt Zeit und Erfahrung. Wer abwartet, muss später unter Druck entscheiden und zahlt am Ende mehr – im schlimmsten Fall mit Wettbewerbsfähigkeit. Entscheidend ist deshalb jetzt ein klares Risikoprofil: Wo sind wir durch Zölle und andere Handelsbarrieren am verwundbarsten? Und welche Maßnahmen haben Priorität?“, sagt Jens Paulus.
Energieintensive Industrien bauen identische Fertigungskapazitäten im Ausland aus
Die untersuchten Branchen sind ähnlich betroffen, reagieren aber mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Betroffene Unternehmen der energieintensiven Industrie schaffen häufiger als die beiden anderen Branchen identische Fertigungskapazitäten im Ausland: 42 % haben entsprechende Produktionslinien bereits etabliert, im Maschinen- und Anlagenbau sind es 34 %, bei Automobilzulieferern 26 %. Automobilzulieferer setzen dagegen häufiger am Produktportfolio an, um von Handelsschranken weniger betroffen zu sein: 34 % haben ihr Portfolio bereits angepasst, gegenüber 28 % in der energieintensiven Industrie und 22 % im Maschinen- und Anlagenbau.
Im Maschinen- und Anlagenbau fällt zudem auf, dass sich im Branchenvergleich mehrere Schritte noch im Planungsstadium befinden sind, etwa bei identischen Produktionslinien im Ausland (22 % geplant) und bei der stärkeren Ausrichtung auf weniger betroffene Absatzmärkte (14 % geplant). Geopolitisch flexible Lieferverträge mit Ausstiegsklauseln nutzen oder planen betroffene Unternehmen der energieintensiven Industrie deutlich häufiger als die beiden anderen Branchen: Insgesamt 36 % nutzen solche Verträge bereits oder planen sie, gegenüber 18 % bei Automobilzulieferern und 16 % im Maschinen- und Anlagenbau. Ein Rückzug von Investitionen aus bestimmten Ländern oder Regionen bleibt insgesamt seltener, ist aber in der energieintensiven Industrie häufiger bereits umgesetzt (23 %) als bei Automobilzulieferern und im Maschinen- und Anlagenbau (je 16 %).
„Die Muster passen zu den wirtschaftlichen Zwängen der Branchen: Energieintensive Unternehmen setzen bereits umfangreicher um, weil Kosten- und Standortdruck unmittelbar wirken. Im Maschinen- und Anlagenbau bestand dagegen vielerorts über Jahre eine stärkere Wettbewerbsposition, etwa durch Technologievorsprung und integrierte Services, so dass sie weniger von direktem Preisdruck betroffen waren. Jetzt ist die Lage neu: Viele Unternehmen erwarten zunehmend selbst den Verlust der Technologieführerschaft und damit an Preissetzungsmacht“, sagt Jens Paulus. „Entscheidend ist es darum, jetzt die eigenen Risiken sauber zu priorisieren und die wichtigsten Maßnahmen konsequent umzusetzen – bevor der nächste Zollschritt kommt.“
Weitere Informationen gibt es unter www.fticonsulting.com.







