Das Niedrigwasser Rhein entwickelt sich zu einem Produktionsrisiko für die deutsche Chemieindustrie. Besonders kritisch ist die Engstelle bei Kaub, wie t-online berichtet: Einschränkungen der Binnenschifffahrt erschweren die Versorgung von Chemiestandorten mit Rohstoffen und Vorprodukten. Erste Anlagen waren bereits zeitweise außer Betrieb. Damit wird die Verfügbarkeit der Transportinfrastruktur zunehmend zu einer direkten Einflussgröße für Produktionsplanung und Anlagenbetrieb.
Niedrigwasser am Rhein trifft die Prozessindustrie
Die Chemieindustrie ist in besonderem Maß auf den Rhein angewiesen. Der Fluss dient als Transportweg für Rohstoffe und Produkte sowie als Wasserquelle für Kühlung und Dampferzeugung. Sinkende Wasserstände wirken deshalb auf mehrere Bereiche des Anlagenbetriebs gleichzeitig.
Besonders schwierig ist der Ersatz von Schiffstransporten. Ein Binnenschiff kann bei normalem Wasserstand rund 4.000 Tonnen Ladung transportieren. Nach Angaben des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) wären für diese Menge etwa 67 Eisenbahnwaggons oder 160 Lastwagen erforderlich. Entsprechende Kapazitäten stehen jedoch nicht ohne Weiteres zur Verfügung.
Produktionsausfälle zeigen Abhängigkeit der Lieferketten
Die Folgen sind an mehreren Chemiestandorten sichtbar. Bei Lanxess stand ein Betrieb in Krefeld-Uerdingen zeitweise still, weil Vorprodukte fehlten. Dort wird Phthalsäureanhydrid hergestellt, das unter anderem als Ausgangsstoff für Weichmacher und Kunstharze dient. Nach Angaben des Unternehmens läuft der Betrieb inzwischen wieder.
Covestro erklärte für einen Betrieb in Dormagen höhere Gewalt. Dort entstehen Vorprodukte für Polyurethan-Schaumstoffe. Das Unternehmen informierte betroffene Kunden und konnte zum Zeitpunkt der zugrunde liegenden Meldung noch nicht abschätzen, wie lange die Einschränkungen dauern und welche Kosten entstehen.
Auch das BASF-Stammwerk Ludwigshafen ist aufgrund seiner Lage südlich der Engstelle bei Kaub von der Entwicklung betroffen. Der Binnenschifftransport konnte nach Unternehmensangaben bislang weitgehend aufrechterhalten werden. Dazu setzt BASF verstärkt Niedrigwasserschiffe ein. Vereinzelt treten dennoch Lieferengpässe auf.
Frühwarnsystem unterstützt Produktions- und Logistikplanung
Für die Automatisierungs- und Prozessindustrie ist neben der Transportfrage insbesondere der Umgang mit frühzeitig verfügbaren Daten relevant. BASF hat 2021 gemeinsam mit der Bundesanstalt für Gewässerkunde ein Frühwarnsystem aufgebaut, das Niedrigwasser laut der vorliegenden Quelle bis zu sechs Wochen im Voraus anzeigen kann.
Solche Prognosen beseitigen fehlende Transportkapazitäten nicht. Sie können Unternehmen jedoch mehr Zeit geben, um Warenströme anzupassen, Bestände zu disponieren und alternative Transportmöglichkeiten vorzubereiten. Damit wird die Verknüpfung von Umwelt- und Infrastrukturdaten mit der Produktions- und Logistikplanung zu einem Baustein für resilientere Prozesse.
Alternative Transportwege haben begrenzte Kapazitäten
Unternehmen versuchen, eingeschränkte Schiffstransporte teilweise auf Schiene und Straße zu verlagern. Die Möglichkeiten dafür sind jedoch begrenzt. Neben der erforderlichen Zahl von Fahrzeugen und Waggons benötigen Mineralölprodukte, Erze und Chemikalien teilweise spezielle Transportmittel.
Hinzu kommt die historisch gewachsene Infrastruktur vieler Chemiestandorte am Rhein. Produktionsanlagen, Lagerflächen und Umschlagstellen sind auf große Stoffströme über die Wasserstraße ausgelegt. Ein Wechsel des Verkehrsträgers ist deshalb nicht allein eine Frage verfügbarer Fahrzeuge, sondern betrifft die gesamte Standort- und Logistikinfrastruktur.
Resilienz wird zur Aufgabe der Prozessindustrie
Langfristig soll die Abladeoptimierung am Rhein die Bedingungen für die Schifffahrt verbessern. Nach den Angaben der Quelle ist eine Fertigstellung entsprechender Maßnahmen am Mittelrhein jedoch frühestens 2033 zu erwarten. Auch niedrigwasseroptimierte Schiffe lösen das Problem nur teilweise, da sie konstruktive und infrastrukturelle Grenzen haben.
Für Betreiber von Prozessanlagen bedeutet das: Niedrigwasser muss zunehmend als möglicher Störfaktor in Produktions- und Lieferkettenplanung berücksichtigt werden. Prognosedaten, flexible Logistikkonzepte und eine frühzeitige Bewertung kritischer Materialströme können dazu beitragen, auf Einschränkungen schneller zu reagieren. Die aktuelle Situation am Rhein zeigt zugleich, dass digitale Planung physische Transportkapazitäten nicht ersetzen kann.
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