Der Ingenieurarbeitsmarkt steht derzeit unter dem Einfluss von Konjunkturschwäche und wirtschaftlichem Strukturwandel. Gleichzeitig bleibt der langfristige Bedarf an technischen Fachkräften hoch. Der aktuelle VDI/IW-Ingenieurmonitor zeigt, wie sich Beschäftigung, offene Stellen und Fachkräftepotenziale bis 2040 entwickeln könnten.
Ingenieurarbeitsmarkt mit weniger offenen Stellen
Im vierten Quartal 2025 waren laut VDI/IW-Ingenieurmonitor 96.760 Stellen in Ingenieur- und Informatikberufen offen. Das waren 18,2 % weniger als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig stieg die Zahl der Arbeitslosen in diesen Berufsfeldern auf 58.392 und damit auf den höchsten Stand seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2011.
Trotz dieser Entwicklung blieb die Engpassrelation deutlich positiv: Bundesweit kamen auf 100 Arbeitslose in Ingenieur- und Informatikberufen 166 offene Stellen. In Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufen lag der Wert bei 173. Der VDI wertet die aktuelle Lage deshalb nicht als Ende des strukturellen Fachkräftebedarfs, sondern als Folge einer wirtschaftlichen Transformation.
Bis zu 1,95 Millionen Beschäftigte bis 2040
Für den Zeitraum bis 2040 modelliert der Ingenieurmonitor mehrere Entwicklungspfade. Im Best-Case-Szenario könnte die Beschäftigung in Ingenieur- und Informatikberufen auf rund 1,95 Millionen steigen. Gegenüber dem Basisszenario entspräche das bis zu 194.100 zusätzlichen Fachkräften.
Der Monitor setzt für diese zusätzlichen Beschäftigten einen jährlichen Wertschöpfungsbeitrag von 124.000 Euro je Person an. Daraus ergibt sich für 2040 rechnerisch ein zusätzliches Wertschöpfungspotenzial von 24,1 Milliarden Euro. Voraussetzung dafür ist, dass bislang nicht ausgeschöpfte Erwerbspotenziale stärker aktiviert werden.
Re-Skilling wird für technische Berufe wichtiger
Ein Schwerpunkt liegt auf der Weiterqualifizierung bereits beschäftigter Ingenieurinnen und Ingenieure. Veränderungen etwa in Automobilindustrie, Maschinenbau, Energieversorgung oder Digitalisierung verschieben die benötigten Kompetenzprofile. Re-Skilling soll Fachkräften ermöglichen, neue Aufgaben innerhalb ihrer Branche zu übernehmen oder in andere technische Anwendungsfelder zu wechseln.
Für die Automatisierungs- und Prozessindustrie ist diese Entwicklung besonders relevant. Digitalisierung, Industrial AI, vernetzte Produktion und die Transformation energieintensiver Prozesse verändern nicht nur Technologien, sondern auch Tätigkeitsprofile. Der Bedarf verlagert sich damit stärker in Richtung interdisziplinärer Kompetenzen aus Engineering, Software, Datenverarbeitung und Prozesswissen.
Frauen, Ältere und Zugewanderte als Fachkräftepotenzial
Neben Qualifizierung untersucht der Ingenieurmonitor, welche zusätzlichen Potenziale durch eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, älteren Beschäftigten und Zugewanderten erschlossen werden können. Allein durch einen höheren Frauenanteil in Ingenieur- und Informatikberufen könnten dem Best-Case-Szenario zufolge bis 2040 rund 91.700 zusätzliche Fachkräfte gewonnen werden.
Hinzu kommt der demografische Ersatzbedarf. In den Bereichen Maschinenbau, Metallverarbeitung, Kraftfahrzeuge, Schiffe und Flugzeuge sind 28,5 % der Erwerbstätigen mindestens 55 Jahre alt. Ein erheblicher Teil dieser Beschäftigten dürfte deshalb in den kommenden Jahren aus dem Erwerbsleben ausscheiden.
Bedeutung für Industrie und Automatisierung
Für Unternehmen der Prozess- und Fertigungsindustrie verschiebt sich die Herausforderung damit von der reinen Personalgewinnung hin zur systematischen Kompetenzentwicklung. Technischer Nachwuchs, Weiterbildung und die Bindung erfahrener Beschäftigter werden zu zentralen Faktoren, wenn neue Automatisierungs-, Digitalisierungs- und Transformationsprojekte umgesetzt werden sollen.
Der Ingenieurmonitor macht zugleich deutlich, dass kurzfristig sinkende Stellenzahlen und langfristiger Fachkräftebedarf nebeneinander bestehen können. Entscheidend wird sein, vorhandene Kompetenzen an neue technologische Anforderungen anzupassen und zusätzliche Gruppen für technische Berufe zu gewinnen.
Fazit
Der VDI/IW-Ingenieurmonitor beschreibt einen Ingenieurarbeitsmarkt im Wandel. Während Konjunktur und Strukturveränderungen aktuell die Zahl offener Stellen drücken, sprechen Demografie und technologische Transformation weiterhin für einen hohen langfristigen Bedarf. Bis 2040 könnten Re-Skilling und eine breitere Erwerbsbeteiligung ein zusätzliches Potenzial von bis zu 194.100 Fachkräften erschließen.








