KI: Unternehmen setzen Künstliche Intelligenz nur selten ein

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Autor: Jonas Völker

KI: Unternehmen setzen Künstliche Intelligenz nur selten ein

Vor einem Jahr fiel der Anteil mit 2 % KI-Nutzern und 9 %, die planen oder diskutieren, aber noch deutlich niedriger aus. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage unter 603 Unternehmen aller Branchen mit 20 oder mehr Mitarbeitern im Auftrag des Digitalverbands Bitkom, die heute vorgestellt wurde. „Wir haben bei Künstlicher Intelligenz kein Erkenntnis-, sondern ein massives Umsetzungsproblem“, erklärte Bitkom-Präsident Achim Berg in einer Pressemeldung.
„In den Unternehmen gibt es einen breiten Konsens über die herausragende Bedeutung der Technologie für die Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft. Aber die Mehrheit tut sich schwer damit, dieses Wissen für das eigene Geschäft zu nutzen.“

Jedes sechste Unternehmen sieht durch KI seine Existenz bedroht

Aktuell sieht jedes vierte Unternehmen KI als eine Gefahr für das eigene Unternehmen, 17 % sehen sogar ihre Existenz bedroht. Und 8 von 10 Unternehmen erwarten, dass ausländische Digitalunternehmen durch ihre führende Stellung bei KI zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz deutscher Kernindustrien wie etwa der Automobilbranche werden.
Immerhin: Eine knappe Mehrheit der Unternehmen sieht KI für sich selbst vor allem als Chance. Dabei gilt: Je größer das Unternehmen, desto mehr Chancen werden gesehen. So sehen nur 53 % der Unternehmen mit 20 bis 99 Mitarbeitern KI als Chance, bei Unternehmen mit 100 bis 499 Beschäftigten sind es aber 73 %, in der Gruppe von 500 bis 1.999 Mitarbeitern 74 % und bei 2.000 oder mehr Mitarbeitern sogar 84 %. 14 % aller Unternehmen gehen allerdings davon aus, dass KI gar keine Auswirkungen auf das eigene Geschäft hat.
Berg: „KI ist eine Schlüsseltechnologie, die Auswirkungen auf alle Lebensbereiche und Branchen haben wird. Zu erwarten, dass man selbst davon nicht berührt wird, ist ungefähr so plausibel wie zu glauben, man werde beim Versteckspiel nicht gefunden, wenn man sich nur fest genug die Augen zuhält.“

KI übernimmt in den Unternehmen aktuell vor allem einfache Aufgaben

Bei den Unternehmen, die heute bereits KI einsetzen, sind fortgeschrittene Anwendungen eher die Ausnahme. So geben rund zwei Drittel an, KI im Marketing für so genanntes Targeting und personalisierte Werbung zu nutzen. Bei jeweils 4 von 10 unterstützt KI bei der automatisierten Buchung von Zahlungen und bei der automatisierten Beantwortung von Anfragen oder Reklamationen. Jedes Dritte gibt an, KI für die Preisoptimierung zu nutzen, jedes Vierte für die vorausschauende Wartung. 19 % nutzen KI zur Planung von Transportrouten, 17 % zur Erstellung automatisierter Forecasts. Fast überhaupt nicht eingesetzt wird KI zur Vorauswahl von Bewerbern (2 %) und bei der Produktentwicklung, etwa durch Simulationen (1 %).
„Aktuell nutzen die Unternehmen Künstliche Intelligenz eher für einfache Aufgaben und dort, wo sie ihnen schnell einen konkreten Nutzen bringt“, so Berg. „In der öffentlichen Debatte geht es beim KI-Einsatz in Unternehmen sehr häufig um Personalfragen und zum Beispiel die Sorge vor diskriminierenden Bewerbungsverfahren. In den allermeisten Unternehmen ist der KI-Einsatz zur Bewerberauswahl aber überhaupt kein Thema.“
Fragt man dagegen jene Unternehmen, die bislang noch keine KI einsetzen, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Ihnen schweben vor allem Szenarien vor, wo eine KI Anfragen und Reklamationen automatisch beantwortet (95 %), Transportrouten plant (88 %), vorausschauend Wartung empfiehlt (86 %), automatisch Zahlungen bucht (84 %) und Werbung personalisiert (83 %). Ebenfalls häufig genannt wird der KI-Einsatz für automatisierte Forecasts (78 %) und Preisoptimierung (70 %). Aber auch den Einsatz von KI für die Produktentwicklung (56 %) und die Vorauswahl von Bewerbern (54 %) können sich die Unternehmen vorstellen.

Nur jedes siebte Unternehmen will in diesem Jahr in KI investieren

Trotz der Vielzahl von Möglichkeiten will nur eine Minderheit der Unternehmen in diesem Jahr in KI investieren. Gerade einmal 15 % planen KI-Investitionen und nur 6 % geben an, bereits in der Vergangenheit investiert zu haben. 13 % planen für das kommende Jahr oder später KI-Ausgaben. Die große Mehrheit von 59 % hat aber noch nie in KI investiert und hat auch keine entsprechenden Pläne.
Als Hauptgründe für die Investitionszurückhaltung nennen die befragten Manager und Unternehmer fehlende Zeit (70 %) und dass es im Unternehmen niemanden gibt, der sich um das Thema kümmert (56 %). In jeweils 4 von 10 Unternehmen (44 %) dauert der Entscheidungsprozess noch an oder man zögert noch, um zunächst die Erfahrungen anderer abzuwarten. 38 Prozent geben an, für KI kein Geld zu haben und 36 % beklagen die unklare Rechtslage. Jedes fünfte Unternehmen sieht keinen Nutzen von KI für das eigene Unternehmen.

Bitkom veröffentlicht Bestandsaufnahme zum Stand der KI-Forschung

Die Unternehmen wünschen sich bei KI mehr Impulse aus der Forschung. Nur rund jedes Dritte meint, dass Deutschland bei der KI-Forschung zur Weltspitze zählt. Und lediglich 38 %  glauben, dass die KI-Strategie der Bundesregierung ausreicht, um Wirtschaft und Gesellschaft auf KI vorzubereiten. Zwei Drittel sind der Meinung, in Deutschland müssten mehr KI-Experten an den Hochschulen ausgebildet werden.
Die KI-Strategie sieht unter anderem vor, 100 neue KI-Professuren in Deutschland zu schaffen, um die KI-Forschung zu stärken. Allerdings sind nach mehr als einem Jahr erst zwei Professuren besetzt worden, bei rund zehn weiteren ist das Verfahren weit fortgeschritten.
Bitkom hat aus diesem Grund ein Impulspapier „KI-Forschung in Deutschland – Der schwere Weg zu 100 neuen KI-Professuren“ veröffentlicht, das eine Bestandsaufnahme zur KI-Forschung an den Universitäten in Deutschland liefert. Demnach gibt es aktuell 164 KI-Professuren an Universitäten in Deutschland. Die mit Abstand meisten in Baden-Württemberg (39), Bayern (30) und Nordrhein-Westfalen (23), die wenigsten in Sachsen (2) und Mecklenburg-Vorpommern (1). „Die Bundesregierung hat sich in ihrer KI-Strategie mit Blick auf die KI-Forschung an den Hochschulen ehrgeizige Ziele gesetzt“, so Berg. „Unter den bestehenden Bedingungen dürfte es aber sehr schwer werden, innerhalb einer überschaubaren Frist wie geplant 100 neue Professuren zu besetzen.“ Bitkom schlägt deshalb vier Maßnahmen vor, wie das Tempo bei der Stellenbesetzung erhöht werden könnte.
So sollten die KI-Professuren nicht nur in der Informatik, sondern auch in anderen Fachbereichen besetzt werden. Unter anderem würde so eine Pluralität der KI-Forschung gefördert und die Rolle der KI als Schlüsseltechnologie unterstrichen, die große Chancen etwa für die Medizin oder die Mobilität bietet, aber auch für Rechts- und Betriebswissenschaften.
Angesichts der Bedeutung von KI plädiert Bitkom zweitens dafür, der Diversität bei der Stellenbesetzung ein besonderes Augenmerk zu widmen. Zudem sollten drittens existierende regionale Stärken gefördert werden. Eine neue Professur an einem bereits starken KI-Standort ist für Bewerber attraktiver als ein einsamer Kämpfer, der aus Regionalproporz an eine Hochschule berufen werden soll.
Und viertens regt Bitkom einen „Lehrstuhl 2.0“ an. Damit könne man bei KI-Lehrstühlen über klassische Junior- bzw. W2/W3-Professuren hinausgehen, die für international umworbene KI-Experten oft unattraktiv sind. Vorreiter sind hier weltweit führende Universitäten, wo KI-Professoren oft nur in Teilzeit vor Ort lehren und forschen und zugleich ihr eigenes Startup leiten oder führende Forschungsaufgaben bei großen Unternehmen übernehmen.
„Wenn wir es ernst meinen mit der Stärkung der KI-Forschung an den deutschen Hochschulen, dann müssen wir bereit sein, unser Hochschulsystems insgesamt international wettbewerbsfähiger zu machen“, sagte Berg. „Mit einem KI-Lehrstuhl-2.0 stärken wir nicht nur die Forschung, wir schaffen auch einen deutlich besseren Transfer der Forschungsergebnisse aus der Wissenschaft in die Wirtschaft.“
Das Impulspapier „KI-Forschung in Deutschland – Der schwere Weg zu 100 neuen KI-Professuren“ steht zum Download bereit.
Die Übersicht zu den KI-Professuren an den Universitäten in Deutschland gibt es als interaktive Landkarte.

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