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ZVEI-Jahreskongress 2023: Auf dem Weg zur All Electric Society

Unter dem Motto „All-Electric-Society: Next Steps“ findet heute und morgen in Berlin der Jahreskongress des ZVEI statt. Der Verband der Elektro- und Digitalindustrie hat sich für die kommenden Jahre vor allem die Themen Klimaneutralität und Energieeffizienz auf die Fahne geschrieben und will die Entwicklung in Richtung einer klimaneutralen Industriegesellschaft forcieren. ZVEI-Präsident Kegel tritt zweite Amtszeit […]

von | 23.05.23

Astrid Frohloff (rechts) und Dr. Gunther Kegel eröffneten den Jahreskongress.

Unter dem Motto „All-Electric-Society: Next Steps“ findet heute und morgen in Berlin der Jahreskongress des ZVEI statt. Der Verband der Elektro- und Digitalindustrie hat sich für die kommenden Jahre vor allem die Themen Klimaneutralität und Energieeffizienz auf die Fahne geschrieben und will die Entwicklung in Richtung einer klimaneutralen Industriegesellschaft forcieren.

ZVEI-Präsident Kegel tritt zweite Amtszeit an

Bereits vor der offiziellen Eröffnung des Jahreskongresses machte die Nachricht die Runde, dass die stimmberechtigten ZVEI-Mitglieder Dr. Gunther Kegel im Amt bestätigt haben. Der CEO von Pepper+Fuchs und Herausgeber des atp magazins wird damit für drei weitere Jahre die Geschicke des Verbands lenken.

Seine Rede begann der neue alte ZVEI-Präsident dann mit eindringlichen Worten:

„Wir dürfen nicht aufhören, davon zu träumen, noch besser zu werden“, appellierte Dr. Kegel an das Auditorium und erklärte die Energieeffizienz und die Kreislaufwirtschaft zu den großen Herausforderungen der kommenden Jahre.

Dabei ist die Energiewende für den ZVEI-Präsidenten eher eine Energieeffizienzwende. Denn neben der Elekrifizierung der Gesellschaft hätten wir auch eine massive Effizienz-Aufgabe vor der Brust, um die All Electric Society überhaupt Realität werden zu lassen. Schließlich könnten wir den enormen Stromverbrauch nicht in einem so hohen Tempo bewältigen, um bis zum erklärten Nachhaltigkeitsziel 2045 damit fertig zu sein. Ohne sehr große Einsparungen werde eine All Electric Society nicht geben.

Der ZVEI-Präsident begrüßte, dass auch Privatverbraucher inzwischen immer mehr E-Autos fahren, Photovoltaik-Anlagen einsetzen oder Wärmepumpen installieren. Die konsequente Automatisierung und Digitalisierung aber auch die Sektorenkopplung werde damit zu einem immer größeren Hebel und damit auch zu einem enormen Booster für die Industrie.

Nach zwei extremen Wachstumsjahren stehe die Elektro- und Digitalindustrie außerdem sehr gut da, es sei aber zu erkennen, dass die Auftragslage eher eine Seitwärtsbewegung zeigt. Die immer noch vollen Auftragsbücher der Industrie würden dies aber noch kaschieren, dennoch müsste sich die gesamte Konjunktur darauf gefasst machen, im vergangenen Jahr eine Art „Vorholeffekt“ erlebt zu haben.

„Ich kann den Willen zur Transformation spüren“

Steffi Lemke, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz, legte den Fokus ihres Vortrags vor allem auf die Kreislaufwirtschaft, die schon durch das Produktdesign viel stärker ermöglicht werden müsste.

„Die Kreislaufwirtschaft ist nicht nur das Wiederverwerten von Abfall. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel“, forderte die Ministerin und plädierte für mehr „Recycling by Design“.

Der Weg dahin soll mit einer neuen Ökodesign-Verordnung beschritten werden, den die Ministerin vorstellte. Schon durch das Produktdesign könnten viele Umweltbelastungen minimiert werden oder entstünden erst gar nicht. Die Chancen der Elektro- und Digitalindustrie schätzte Lemke sehr gut ein, sie bescheinigte der Branche einen großen Willen zur Transformation, den sie spüren könne.

OT/IT-Konvergenz kann goldenes Zeitalter bringen

„Die Welt liebt die IT, läuft aber mit OT.“ Mit dieser Aussage eröffnete Cedrik Neike, Siemens-Vorstand und CEO Siemens Digital Industries, seinen Vortrag. Für Neike liegt im Zusammenwachsen der OT mit der IT eine große Chance. Dieses Feld dürfe man nicht nur den Hyperscalern überlassen, sondern müsse selbst IT-Know-how aufbauen. Denn als Meister der Industrialisierung im OT-Umfeld hätte die deutsche Industrie bereits gute Voraussetzungen, um ein goldenes Zeitalter einzuläuten. „Wir haben die Chance, in beiden Feldern die Besten zu sein“, erklärte Neike.

Am Beispiel der Batterieproduktion zeigte der Siemens-Vorstand, wie der Branche dies gelingen könnte. Hier hätte Deutschland auf dem Papier in allen Phasen des Lebenszyklus bereits Kompetenzen, müsse dies aber noch erkennen und zusammenfügen. Erreiche die deutsche Industrie dies, erwarte auch den ZVEI ein goldenes Zeitalter.

Offene Datenräume, Plattformen und Ökosysteme

Bundesverkehsminister Dr. Volker Wissing fokussierte sich im Anschluss vor allem auf die Digitalstrategie der Bundesregierung und stellte vor, wie der Bund den Aufbau von Datenplattformen aufbauen und die Nutzung anregen möchte. Als Beispiel stellte er den Mobility Data Space vor, der bereits von mehr als 70 Unternehmen genutzt würde und den offenen Datenaustausch ermögliche.

Wissing stellte aber auch fest, dass Deutschland im internationalen Vergleich „einen größeren Ruck als andere“ benötige, um die digitale Transformation auch wirklich anzugehen. Dies bestätige auch das EU-weite Digitalisierungsranking, bei dem Deutschland auf Rang 13 von 27 stehe.

Große Chancen bescheinigte der Minister für Verkehr und Digitales der KI. „Künstliche Intelligenz ist eine Schlüsseltechnologie für den digitalen Wandel. Denn mithilfe von KI können Prozesse automatisiert und optimiert, Entscheidungen beschleunigt und Produkte verbessert werden. Worauf es jetzt ankommt, ist eine klare und kluge Regulierung. Eine Regulierung, die ermöglicht und nicht behindert, die Raum für Innovationen lässt und nicht einschränkt. Wir wollen anwenden und nicht verbieten“, so Volker Wissing in seiner Keynote zum Thema „Digitalisierung: Wo Deutschland Spitze ist und wo (noch) nicht“.

„Halbleiter sind die Bausteine für die Dekarbonisierung und Digitalisierung“

Für Jochen Hanebeck, Vorstandsvorsitzender von infineon, wird der Halbleitermarkt in Zukunft zum entscheidenden Hebel für den Erfolg der Digitalisierung und damit auch der Dekarbonisierung. Wichtig in diesem Zusammenhang wird auch das Recomputing, also das Wieverwerten von Komponenten und Rechenleistung.

Besonderen Fokus legte Hanebeck auf die gute Ausgangslage Europas und insbesondere Deutschland, was den Halbleitermarkt betrifft. Im Markt der Microcontroller werde der Markt nicht nur von den USA und Asien dominiert. Um diese gute Ausgangslage auch nutzen zu können, müssten allerdings neue Innovationsräume erschlossen werden. Nicht nur neue Materialien böten hier Differenzierungsvorteile, sondern auch neue Technologien wie etwa das Quantum Computing oder das Quantum Sensing. Diese Innovationspfade gelte es nun zu beschreiten.

Strommarktdesign und Energiewende: Wie passt das zusammen?

Prof. Dr. Veronika Grimm, Wirtschaftsweise und Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung, machte deutlich, wie stark die Rückkehr zur Kohlekraft den Strommarkt beeinflusst hat. Für sie werde es außerdem unumgänglich, in Zukunft auch neue Gaskraftwerke, die perspektivisch mit Wasserstoff betrieben werden müssen, zu bauen und in Betrieb zu nehmen. Dies sei auch für das Erreichen der Klimaziele notwendig, um die Versorgungssicherheit während der „Dunkelflaute“ zu gewährleisten.

Innovationskultur verzweifelt gesucht

In einer anschließenden Diskussion zum Thema „Wie schaffen wir eine Innovationskultur?“ stellten Lea Emmel, Risk Managerin bei Dräger, Doris Höpfl, Mitglied des Vorstands bei Harting, Tilman Kuban, MdB für die CDU/CSU-Fraktion, und Michael Marhofer, Vorstandsvorsitzender bei ifm electronic, vor, warum es deutschen Unternehmen so schwer fällt, eine Innovationskultur aufzubauen. TIlman Kuban gab dem Digitalisierungsgrad der Bundesregierung eine 4- und sah die Versetzung gefährdet. Immerhin habe man dort inzwischen die Faxgeräte abgeschafft und auf den Rechnern des Bundestags Konferenzsoftware eingeführt.

Spannend war auch der Standortvergleich zwischen USA und Deutschland. Lea Emmel berichtete von schnellerem Tempo, das in Boston viel höher wäre, allerdings auch die Fluktuation des Personals viel höher. Bei Harting werden daher die Fähigkeiten des Personals stärker in den Fokus gerückt und die reinen „papierbasierten“ Qualifikationen zwar honoriert, aber nicht mehr als entscheidend betrachtet, um qualifiziertes Personal zu identifizieren und langfristig zu binden. Frau Höpfl mahnte außerdem mangelhafte Infrastruktur in der Kinderbetreuung an. Sie kritisierte, dass es Deutschland nicht gelänge, die größte „stille Reserve“, die Frauen in Teilzeit, zu mobilisieren.

Michael Marhofer prangerte vor allem die mangelhafte Umsetzungskraft an. Es würden hierzulande zwar viele richtige Gesetze verabschiedet, allerdings sei die Realisierung oft mangelhaft. Als Beispiel zog er die Einschulung heran, bei der die Verantwortlichen ja aufgrund der Datenlage der Behörden wissen müssten, wie viele Kinder wann eingeschult würden. Dennoch würde es sowohl an Personal, Schulen und allgemein der Infrastruktur mangeln.

„Wir gucken immer zuerst, was nicht sein darf und regeln dann alles entsprechend bis ins letzte Detail. So können wir keine Innovationskultur etablieren“, fasste Marhofer zusammen.

Weitere Informationen gibt es unter www.zvei.de.

 

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

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