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eSummit 2024: Strom verändert alles!

Mit der Elektrifizierung hat die deutsche Industrie ohne Zweifel eine Herkulesaufgabe vor der Brust. Wie weit die Unternehmen heute schon gekommen sind und vor allem, was noch dringend zu tun ist, zeigte der eSummit des ZVEI, der im vergangenen Jahr noch Jahreskongress hieß, in Berlin deutlich. Ins alte DDR-Vorzeigekino KOSMOS in Friedrichshain lud der Zentralverband […]

von | 21.05.24

Mit der Elektrifizierung hat die deutsche Industrie ohne Zweifel eine Herkulesaufgabe vor der Brust. Wie weit die Unternehmen heute schon gekommen sind und vor allem, was noch dringend zu tun ist, zeigte der eSummit des ZVEI, der im vergangenen Jahr noch Jahreskongress hieß, in Berlin deutlich.

Ins alte DDR-Vorzeigekino KOSMOS in Friedrichshain lud der Zentralverband der Elektro- und Digitalindustrie seine Mitglieder dabei nicht nur, um sich in Richtung der Politik wegen zu viel Bürokratie und teure Energiepreise Luft zu machen. Die Branche blickt im Gegenteil zuversichtlich in die Zukunft und hat trotz all der vielen Krisen und geopolitischen Spannungen reichlich konkrete Ideen, wie die nächsten Schritte in Richtung einer All Electric Society aussehen müssen.

Gefesselter Erfindergeist und das Klimaschutz-Business

„Wir haben uns schon aus vielen Krisen am eigenen Schopf herausgezogen und werden es auch dieses Mal wieder schaffen“, formulierte es die SPD-Vorsitzende Saskia Esken treffend. Tatsächlich war der Tatendrang der Branche während der zwei Tage deutlich spürbar. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck zitierte als Analogie zur aktuellen wirtschaftlichen Lage die britsche Rockband The Clash. „Should I stay or should I go?“ fragte er ins Auditorium nur um die Antwort gleich mitzuliefern: „Go!”

Bundesfinanzminister Christian Lindner fasste die Gemütslage der Elektro- und Digitalindustrie bereits am Morgen des ersten Kongresstags gut zusammen:

„Wir dürfen den Erfindergeist nicht länger fesseln, wenn wir aus der Elektrifizierung einen Gewinn für die Gesellschaft machen wollen. Wir brauchen einen marktwirtschaftlichen Rahmen für den Klimaschutz.”

Auch ZVEI-Präsident Dr. Gunther Kegel fokussierte sich in seinem Eröffnungsvortrag auf die wirtschaftlichen Potenziale. Deutschland müsse sich der Elektrifizierung auch unternehmerisch stellen.

„Wir müssen uns dabei aber auf die Chancen fokussieren und nicht auf die Versäumnisse“, forderte der atp-Herausgeber.

Dafür brauche es vorrangig mehr Mut zur Konfrontation, besonders mit der Politik. Außerdem dringenden Handlungsbedarf sieht Dr. Kegel im zu langsameren Bürokratieabbau und dem Fachkräftemangel. Zwei Themen, die in vielen Panels und Diskussionen immer wieder aufflammten.

Anreize schaffen, Kreisläufe schließen

Ein ebenfalls den eSummit beherrschendes Thema war die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit Deutschlands und der EU insgesamt. Damit der Kontinent sich langfristig international behaupten kann, brauche es einen „großen, tiefen Kapitalmarkt, um starke europäische Unternehmen hier zu halten“, wie es der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz formulierte. Die EU müsse ein Motor für offene Märkte bleiben.

Mit wie viel Gegenwind offene Märkte aber auch einhergehen können, machte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Rainer Haseloff deutlich. Die neuen Chip-Fabriken in Magdeburg und Dresden seien enorm wichtig für Deutschland betonte er, auch wenn viele das nicht verstehen würden, erklärte er in seinem sehr leidenschaftlichen Vortrag.

„Es ist wichtig für Deutschland, die strategischen Elemente der Wirtschaft hier vor Ort sicherzustellen“, so Haseloff weiter.

Intel-Vorstand Christoph Schell sieht Europa ebenfalls als Wachstumsmarkt: „Europa ist ein Wachstumsmarkt, weil es hier keine Halbleiterindustrie gibt, aber viele Unternehmen, die sie umarmen.“ Die vermeintlichen Subventionen Deutschlands für die Chip-Werke sieht er eher als „aggressive Investments“ in die Zukunft.

Zukünftig immer wichtiger wird auch die Kreislaufwirtschaft, die auch ein wichtiger Punkt auf der Agenda des ZVEI-Jahreskongresses in diesem Jahr war. Bundesumweltministerin Steffi Lemke startete ihren Vortrag mit einem klaren Appell:

„Wir werden die Lieferengpässe der vergangenen Jahre nur punktuell auflösen können.“

Deutschland und Europa müssten sich darauf einstellen, dauerhaft mit einem begrenztem Rohstoffangebot zurechtzukommen. „Die Kreislaufwirtschaft ist also nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll“, erklärte Lemke.

Dass sich die Circular Economy auch heute schon rechnet, zeigte Dan Mutschler, CEO der MTM Ruhrzinn GmbH, der sich außerdem über den Gewinn des Electrifying Ideas Award freuen durfte.


Die frischgebackenen Gewinner des Electrifying Ideas Award 2024.


Wie dringend sich die Industrie mit dem Schließen der Stoffkreisläufe befassen muss, zeigte der geschäftsführende Gesellschafter von Miele, Dr. Reinhard Zinkann, mit einer Zahl eindrucksvoll: 21,2 kg Elektroschrott entfallen in Deutschland inzwischen pro Person. Gleichzeitig betonte Zinkann, dass gutes Recycling momentan für Unternehmen aufgrund der nicht transparenten EU-Regulierungen nicht kalkulierbar sei. Ein nur schwer auszuhaltendes Dilemma.

Ergebnisse einer ZVEI-Studie zur Flexibilität der Energienetze auf dem eSummit 2024 veröffentlicht

Für Aufsehen sorgte auch eine Studie im Auftrag des ZVEI, die untersuchte, wie sich dezentrale Systeme auf den Strommarkt und das Verteilnetz auswirken. Die wesentlichen Erkenntnisse, vorgetragen von Anselm Eicke (Neon Neue Energieökonomik) verblüfften:

  • Die Stromsystemkosten von E-Autos und Wärmepumpen können um 70 bzw. 24 % reduziert werden
  • Ein intelligent geladenes E-Auto verursacht drei Mal geringere Stromsystemkosten als ein konventionell geladenes Fahrzeug
  • Dynamische Stromtarife sind sehr netzdienlich

Barbie Haller, Vizepräsidentin der Bundesnetzagentur, brachte das Auditorium im Anschluss wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: 18.000 km neue Stromleitungen sind notwendig, um intelligente und flexible Systeme flächendeckend zu realisieren. Dafür werden allein bis 2045 etwa 200 Mrd. Euro benötigt. Dass diese Investitionen zwingend notwendig sind, stehe laut Haller Haller außer Frage. „Intelligente Netze sind ein Muss!“, stellte auch Barbara Frei (Schneider Electric) klar.

New Work und Motivation für die Europawahl

Im Zuge der digitalen Transformation wandelt sich neben der industriellen Produktion auch die Arbeitswelt. Auch dazu gab es auf dem eSummit ein spannendes Panel, bei dem es vor allem um die Frage ging, wie Zukunftstechnologien und Nachhaltigkeit vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels unter einen Hut gebracht werden können. Erste Lösungsideen könnten unternehmensübergreifende, interdisziplinäre Teams und Spezialisten-Hubs sein. Generell müssten aber mehr junge Menschen wieder für Technik-Berufe gewonnen werden. Diskutiert wurde in disesem Zusammenhang vor allem auch die vermeintliche Diskrepanz zwischen Wohlstandssicherung und Leistungsbereitschaft.

ZVEI-Präsident Kegel nahm die Diskussion in seinen Schlussworten noch einmal auf und identifizierte nicht den mangelnden Willen zur Arbeit als das zu Grunde liegende Problem, sondern die mangelhafte Incentivierung von Leistung. „Wir lassen die jungen Menschen nicht genug erkennen, dass sich Leistung lohnt“, erklärte er.

Den eSummit 2024 schloss er mit einem Appell ans Auditorium, Anfang Juni zur Europawahl zu gehen, um die Grundvoraussetzung einer wirtschaftlichen Zukunft in Europa nicht zu gefährden: eine freiheitlich-demokratische Grundordnung.

Mehr zum diesjährigen eSummit 2024 gibt es auf der Website des ZVEI.


Der eSummit 2024 in Zitaten

Mantra für den nächsten Regentag ohne Wind:

„Irgendwann werden wir erneuerbaren Strom im Überfluss haben.“ – Dr. Gunther Kegel, ZVEI-Präsident und CEO Pepperl+Fuchs

Motto für die nächste Gehaltsverhandlung:

„Wir brauchen eine Kapitalmarktkultur!“ – Christian Lindner, Bundesfinanzminister

Bonmot für das nächste Meeting mit der F&E-Abteilung:

„Die Hölle ist mit gutem Willen gepflastert.“ – Daniel Hager, Vorsitzender des Aufsichtsrats und Gesellschafter, zitiert Jean-Paul Sartre

Direktive für den Feierabend:

„Man kann sich das Leben auch schön machen mit Technologie.“ – Dr. Tanja Rückert, Geschäftsführerin Robert Bosch

Opener für die nächste Taschengeldverhandlungen mit dem Nachwuchs:

„Das sind keine Subventionen, sondern ein aggressives Investment.“ – Christoph Schell, CCO Intel

Kommentar für die nächste Standardisierungssitzung:

„Gut gemeint ist die kleine Schwester von scheiße.“ – Dr. Reinhard Zinkann, geschäftsführender Gesellschafter Miele

Ein gutes Beispiel für überbordende Bürokratie:

„Für eine Ausschreibung eines Off-Shore-Windparks sind 23.000 Papierseiten notwendig. Dafür brauchen 35 Ingenieure ein halbes Jahr.“ – Tim Oliver Holdt, Vorstandsmitglied Siemens Energy

Motivationsspruch für das Team-Meeting am Montagmorgen:

„Wir brauchen jetzt wieder Bock auf Zukunft!“ – Carsten Linnemann, CDU-Generalsekretär

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