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NAMUR-Hauptsitzung: Mastering the Digital Transformation of the Process Industry

Beim 80. Zusammentreffen der NAMUR in Bad Neuenahr drehte sich in diesem Jahr alles um das Schwerpunktthema "Mastering the Digital Transformation of the Process Industry". Am 9. und 10. November erlebten rund 650 geladene Gäste spannende Workshops und Vorträge. Hauptsponsor der diesjährigen NAMUR-Hauptsitzung war GE Digital.

von | 04.11.20

„Industrie 4.0 ist die MSR-Technik von Geschäftsprozessen.“ Mit diesen Worten eröffnete Dr. Wilhelm Otten, Vorsitzender der Namur, die diesjährige Namur-Hauptsitzung in Bad Neuenahr und stimmte die rund 650 geladenen Gäste auf das Motto der diesjährigen Hauptsitzung ein. „Mastering the Digital Transformation of the Process Industry“ war das zentrale Thema des Kongresses und damit auch dem Vortrag des Hauptsponsors GE Digital. Stellvertretend stellte Simone Hessel, Vice President Digital Transformation DACH, GE Digital, vor, wie der US-amerikanische Konzern GE die Digitalisierung angeht.
Überraschende Ansätze präsentierte das Unternehmen dabei allerdings nicht, denn auch GE setzt in Zeiten der digitalen Transformation auf software-basierte Lösungen und Data-Services. Mit der eigens dafür von GE entwickelten Cloud-Plattform Predix liefert GE die Infrastruktur für ihre Lösungen gleich mit. Auch nach dem Vortrag bleibt allerdings unklar, welchen Mehrwert Predix gegenüber etablierten Cloud-Lösungen bietet.
„Wir digitalisieren uns selbst“
GE, dass sich immer noch als „Heavy Metal“-Unternehmen bezeichnet, sieht in der Digitalen Transformation zunehmend den Menschen im Fokus. Die Interaktion zwischen Menschen, Assets und Prozessen werde sich drastisch verändern, so Hessel. Es bedürfe auch einer kulturellen Transformation, um die technologischen Errungenschaften gewinnbringend einsetzen zu können, erklärte Hessel und machte im gleichen Atemzug deutlich, dass GE die Digitalisierung vor acht Jahren „erfolgreich selbst in die Hand genommen hat“. Carlos Härtel, CEO GE Deutschland und Österreich, ordnete in der Folge seinen Teil des Vortrags der Fragestellung „Wie kreiere ich Wertschöpfung mit datengetriebenen Geschäftsmodellen?“ unter. Definitive Antworten auf diese Frage blieb Härtel schuldig, betonte allerdings die Rolle von GE als Anwender und Entwickler in einem und offenbarte, dass Wertschöpfung vor allem im Dialog mit dem Endkunden geschaffen würde.
Zum Abschluss des Vortrags des Hauptsponsors zeigte Dirk Voelkel, CTO GE Healthcare Life Sciences, auf, wie erfolgreich das Unternehmen seine Digitalstrategie auf den Unternehmensbereich Healthcare angewendet hat. Auch hier stehen datengetriebene Geschäftsmodelle im Mittelpunkt. Um das zu verdeutlichen, präsentierte Voelkel Beispiele aus der biopharmazeutischen Industrie, in der die beiden Konzernschwestern GE Healthcare und GE Digital Data Science und Analytics mit Domänen-Wissen und Prozesswissenschaft für die Life-Science-Industrien miteinander verzahnen. Das Ergebnis ist Kubio, mit dem der Time-to-Market erheblich reduziert werden kann. GE werde so immer mehr zu einem Plattformanbieter. |||Kompetenz muss Komplexität die Waage halten
Nach der ersten Kaffeepause richtete Erwin Kruschitz, anapur AG, das Augenmerk des Kongresses dann auf Safety & Security. Im Fokus der Bemühungen müsse die inhärente Sicherheit stehen, so Kruschitz, und getreu dem Ansatz „System under Consideration“ die Sicherheitsstragie eines Unternehmens immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden. Wichtig sei auch, dass sich Konzepte im Bereich der Safety & Security nicht zu komplex werden dürfen. Getreu dem Motto „Je einfacher, desto besser“ müsse die Kompetenz der Komplexität die Waage halten. Die zur Zeit viel diskutierte IT/OT-Conversion, sprich die Verschmelzung von IT und OT, sieht Kruschitz vor allem als „Enabler“ der Digitalisierung.
PLT-Sicherheitstechnik – Evolution durch Digitalisierung
Vor welchen Herausforderungen die Prozessleittechnik in Zeiten der digitalen Transformation steht, machte Thomas Gabriel, Covestro AG, deutlich. Auch wenn die PLT-Sicherheitstechnik kein „early Adopter“ sei, müsse das „Zeitalter der Probalistik“ verlassen werden. Gabriel forderte mehr Multipurpose-Produkte, die mehr können als nur Infos aufbereiten. Dennoch müsse die Branche auch in diesem Bezug die Komplexität berücksichtigen, da sich mit steigendem Komplexitäts-Grad auch die systematischen Fehlerquellen vervielfachten. Die Voraussetzungen in Deutschland seien in dieser Hinsicht jedoch gut. Es herrsche bereits ein hohes etabliertes Niveau vor und auch die Diagnose durch Feldgeräte sei ausgreift. Wesentliches Potenzial sieht Gabriel vor allem bei der Optimierung von Prüfstrategien.
Arbeitskräfte entscheiden über den Erfolg der Digitalisierung
Stefan Brüggemann, BASF, verglich in seinem Vortrag „Boosting Plant Availability with Intelligent Data Analysis“ die verschiedenen Digitalisierungsansätze von IT-Unternehmen und der Prozessindustrie. So stehen bei IT-Unternehmen vor allem das Datenmanagement und Algorithmen im Vordergrund, während die Prozessindustrie sich in Bezug auf die Digitalisierung vor allem auf die Kerntechnologien fokussiert. In beiden Fällen entschieden jedoch die Arbeitskräfte über das Tempo und den Erfolg der Digitalen Transformation. Unter dem Stichwort „Maintenance Intelligence“ stellte Brüggemann dann in diesem Zusammenhang einen neuen BASF-Ansatz vor. So stellt ein Dashboard erstmals alle Kennzahlen grafisch dar, bevor es in die Tiefen des ERP geht. Der Anwender muss weniger Zeit mit der Recherche relevanter Daten verbringen, sondern bekommt schnell einen aussagekräftigen Überblick, bei dem er gezielt in einzelne Prozesse hineinschauen kann.
NOA – „Überholspur der Automatisierungspyramide“
Am Nachmittag fanden wie immer diverse Workshop-Runden statt, in denen verschiedene Experten neue Entwicklungen und Innovationen vorstellten. Sehr gut besucht war in diesem Jahr die Workshop-Reihe zur Namur Open Architecture (NOA), die auf der Namur-Hauptsitzung im vergangenen Jahr erstmals vorgestellt worden war. Mit NOA wird der Versuch unternommen, die bestehenden Automatisierungsstrukturen so zu öffnen und zu ergänzen, dass Innovationen (IoT, Industrie 4.0 etc.) nutzbar werden, ohne die Vorteile der bisherigen Automatisierung zu verlieren. Dieser Weg wurde durch den NAMUR-Arbeitskreis 2.8 „Automatisierungsnetzwerke und -dienste“ durch Entwicklung von NOA – NAMUR Open Architecture erarbeitet.
In diesem Jahr stellten nun vier verschiedene Hochschulen erstmals Demonstratoren vor, bei denen NOA praktisch umgesetzt wurde. Eine wesentliche Rolle dabei spielt auch OPC UA. „Der Interoperabilitätsstandard bildet die Zugbrücke zum Schatz der Daten in der Burg der PLT“, erklärte Prof. Dr. Leon Urbas. NOA sei dabei die Schatzkarte zu den Feldgeräten. |||Drei Nachwuchskräfte erhalten Namur-Award
Der zweite Tag der Namur-Hauptsitzung startete mit der Verleihung der Namur-Awards. In diesem Jahr wurden drei Einreichungen prämiert. Dr.-Ing. Dirk Kuschnerus, Krohne, befasste sich in seiner Doktorarbeit mit der Modellierung und Verifikation sicherheitskritischer konfigurierbarer Systeme in der Prozessmesstechnik vor dem Hintergrund der Auswirkungen von Industrie 4.0. Sebastian Gau, BASF, präsentierte ein neues Lösungsverfahren für geschaltete System mithilfe prädiktiver Regelungen, indem das diskrete Schaltsignal durch eine kontinuierliche Größe ersetzt wurde. Zuletzt nahm Chris Paul Iatrou von der Technischen Universität Dresden seinen Preis entgegen. Er beschäftigte sich mit dem Entwurf und Implementation eines OPC-UA Hardware Stacks, der echtzeitfähig ist und die Möglichkeit bietet, intelligente Feldgeräte oder sehr kleine Sensoren einfach anzubinden.
Podiumsdiskussion: „Ausbildung 4.0“
Ein erwartetes Highlight bot am zweiten Tag der Namur-Hauptsitzung die Podiumsdiskussion zum Thema „Ausbildung 4.0“, moderiert von Dr. Dagmar Dirzus, Geschäftsführerin VDI/VDE-GMA. Welche Anforderungen die Wirtschaft an Auszubildende und Ingenieure stellt und wie diese mit den Vorstellungen der Nachwuchskräfte übereinstimmen, war das Thema der Diskussion. Theo Fecher, bei Evonik verantwortlich für die Ausbildung, Dr. Matthias Fankhänel, BASF, Dr. Gunther Kegel, VDE und Pepperl+Fuchs, und Nina Melches, IG BCE, berichteten und diskutierten über ihre Erfahrungen und den Ingenieurmangel.
Übereinstimmend waren die Diskutanten der Ansicht, dass vor allem die Digitalkompetenz einen immer höheren Stellenwert bekäme. Fankhänel stellte dann sogleich fest, dass die Ausbildungsinhalte zwar zunähmen, die Grundfertigkeiten aber immer noch gefordert sein. „Die Lerninhalte ragen immer mehr von der Automatisierungstechnik in die IT hinein“, war sich auch Dr. Kegel sicher. Er machte außerdem deutlich, dass der Fachkräftemangel ohne den Auslandszuzug noch prekärer wäre („Die Lücke nimmt bedrohliche Ausmaße an“). Doch nicht nur geeignete Auszubildende fehlen, auch hochqualifiziertes Ausbildungspersonal ist nicht im Überfluss vorhanden, erklärte die Gewerkschafterin Melches.
Ein weiteres Dilemma sah Fankhänel in der mangelnden Wertschätzung der Berufe in der Prozessindustrie. Hardware sei schlicht nicht so gefragt wie Software. Auch VDE-Vizepräsident Dr. Kegel fragte sich, wie die Branche für „Nerds und Hipster“ attraktiver werden könnte. Der Mittelstand sei voll von „Hidden Champions“ im B2B-Bereich. „Wir haben gute Arbeitsplätze, die keiner kennt“, so sein Fazit.
Die zentrale Erkenntnis der Podiumsdiskussion: Die Branche muss sich stärker um den technischen Nachwuchs bemühen und auch die Ausbildung muss sich verändern. Evonik-Ausbilder Theo Fecher brachte es auf den Punkt: „Wie bekämpfen derzeit die Themen der Zukunft mit der Didaktik der Vergangenheit.“
„Die Ineffizienz liegt in unseren Lagern“
In seiner Rede zum Abschluss der 80. Namur-Hauptsitzung fasste Namur-Vorsitzender Dr. Wilhelm Otten zusammen: Die Mitglieder seien sowohl beim Thema Standardisierung als auch in der Zusammenarbeit mit den Ausrüstern enger zusammengerückt. Potenzial für weitere Optimierungen gebe es dennoch reichlich, als Beispiel führte Otten die Supply Chain an. Auch die effiziente Nutzung von Lagerkapazitäten müsse angegangen werden: „Derzeit puffern wir die fehlende Transparenz, die für Effizienzsteigerungen in der Logistik notwendig ist, durch Lagerkapazitäten weg. Die Ineffizienz liegt in unseren Lagern.“
Zum Abschluss gab Otten das Thema der Namur-Hauptsitzung im kommenden Jahr bekannt. Das Motto lautet dann „Field Instruments Support Digital Transformation“. Hauptsponsor der Hauptsitzung wird 2018 Endress+Hauser sein.

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

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