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Rückblick auf die 82. NAMUR-Hauptsitzung: Enhanced Connectivity for Smart Production

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Autor: Jonas Völker

Rückblick auf die 82. NAMUR-Hauptsitzung: Enhanced Connectivity for Smart Production

"Wir haben anregende Tage hinter uns." So fasste der NAMUR-Vorstandsvorsitzende Dr. Felix Hanisch (Bayer) die NAMUR-Hauptsitzung 2019 in seinem Abschlussvortrag zusammen. Während der zwei Tage in Bad Neuenahr zeichnete sich deutlich ab: die NAMUR professionalisiert sich weiter. Mit den Händen zu greifen wird dies durch den intensivierten Austausch mit der Politik und internationalen Verbänden wie etwa dem italienischen CLUI AS oder der US-amerikanischen Process Automation Users Group (PAUG) innerhalb des American Chemistry Council (ACC), mit dem die NAMUR im August 2019 ein Memorandum of Understanding verabschiedet hat. Auch mit dem BioPhorum, das seinen Sitz in London, England, hat, wurde im Laufe des Jahres ein solches Abkommen geschlossen.
In immer enger werdenden Kontakt steht die NAMUR außerdem mit der Bundesnetzagentur. Die Tatsache, dass bei der Versteigerung der 5G-Lizenzen ein Viertel der verfügbaren Frequenzen für industrielle Anwendungen reserviert worden sind, zeige laut Hanisch, dass sich nicht nur die Werbemaßnahmen von Martin Schwibach auf der NAMUR-HS 2018 gelohnt hätten, sondern dass die NAMUR auch national stärker wahrgenommen werde.
Veränderungen im NAMUR-Vorstand
Um sich für die Zukunft weiter aufzustellen, wird es auch im NAMUR-Vorstand sowie der Geschäftstelle Änderungen geben. Zum Jahresende wird Rainer Oehlert (Dow) aus dem Vorstand ausscheiden. Ein Nachfolger für ihn steht noch nicht fest. Seit Ende Juli 2019 ist außerdem Dr. Matthias Fankhänel nicht mehr im NAMUR-Vorstand tätig. Er wurde mit herzlichen Worten von Felix Hanisch auf der Hauptsitzung verabschiedet. Dr. Bernd Beßling (BASF) wird seinen Platz einnehmen.
Doch nicht nur im NAMUR-Vorstand gab es Veränderungen. Ab April 2020 wird darüber hinaus Heinz Engelhardt (Bayer) nicht mehr Geschäftsführer der NAMUR-Geschäftsstelle sein. Er macht seinen Platz frei für Nils Weber (Bayer).||| "Konnektivität ist unsere DNA"
Die Präsentation der Sponsors der diesjährigen NAMUR-Hauptsitzung, Phoenix Contact, stand unter dem Motto "Enhanced Connectivity for Smart Production". Zu Beginn lag es an CEO Frank Stührenberg, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Hauptsitzung in die Evolution der Vernetzungstechnik einzuführen. Über die Jahre hinweg hat sich das Produktportfolio des Unternehmens aus Ostwestfalen deutlich vergrößert und differenziert.
Das Fazit von Stührenberg lautete dennoch: "Wir können nicht alles allein machen". Es komme auf die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit an, um die Herausforderungen der Digitalisierung meistern zu können.
In diese Kerbe schlug auch Roland Bent, CTO bei Phoenix Contact. Auch heute noch gäbe es "Legionen von Schaltschränken mit Interface-Technik" im Feld. Durch Digitalisierung hätte die Branche nun die Chance "30 Jahre Feldbus-Krieg zu beenden". Der Enabler dafür sei Konnektivität, die immer noch unterschätzt würde. Nur sie könne die Lücke zwischen IT und OT füllen. Dabei gehe es vor allem darum, die steigende Komplexität der Technologien zu kapseln und den Anwender zu führen.|||NOA ist der Schlüssel
Für Roland Bent und Phoenix Contact steht die mangelhafte Konversion von IT und OT einer erfolgreichen Digitalisierung nach wie vor im Weg. Immer noch seien HART-Signale mit einer 4-20 mA-Verbindung oft Standard. Offene Architekturen seien daher elementar, um eine Vorverarbeitung und Normalisierung der Feldgeräte-Daten zu ermöglichen. Die NAMUR Open Architecture (NOA) löse dabei das Paradigma der Prozessindustrie auf und ermögliche neue Funktionalitäten.
Anschließend präsentierte Bent einen Architekturvorschlag, der zwar noch mehr als Ansatz zu verstehen sei, aber sowohl die IT/OT-Conversion und auch offene Architekturen garantiere. Dieses Enhanced Connectivity Ecosystem ergänzt die in der Automatisierungspyramide ebenenübergreifende NOA um die Säulen "Prozessschnittstellen", "Normalisierung & Kontextualisierung" sowie "Informationsverarbeitung".|||Das Enhanced Connectivity Ecosystem im Detail
Wie dieses Ökosystem im Detail aussehen kann, zeigte anschließend Ulrich Leidecker, President Business Area Industry Management and Automation bei Phoenix Contact. Für ihn ist klar: "NOA muss anwendbar sein, um die Vision von offenen Architekturen realisieren zu können." Wie die Umwandlung von elektrischen Signalen in NOA-konforme Daten aussehen kann, stellte Leidecker in vier Use Cases vor.
Im ersten Anwendungsbeispiel zeigte Phoenix Contact gemeinsam mit der TU Dresden und BASF, wie mit Hilfe von Klemmen und der neuen Architektur die prädiktive Wartung von Slow Rotating Equipment realisiert wurde. Der zweite Use Case befasste sich mit dem As-planned/As-built-Vergleich von MSR-Geräten. Gemeinsam mit Bilfinger und Codewrights konnten hier HART-Signale über Klemmen und eine IO-Scheibe in NOA-konforme Daten umgewandelt werden. Im dritten Use Case realisierte Phoenix Contact gemeinsam mit Evonik die modulare Produktion, während im vierten Anwendungsbeispiel gemeinsam mit BASF eine Umsetzung der Open Automation (NOA, MTP, O-PAS) gezeigt wurde.||| Connectivity: Wünsche und Wirklichkeit – Die NAMUR-Vorträge
Einleitend in den NAMUR-Block stellte Ronny Becker (Bilfinger) vor, welche Fragestellungen in Bezug auf die Connectivity noch zu beantworten sind. Besonders im Fokus stand erneut NOA:

  • Bedeutet der offene Seitenkanal auch, dass er smart ist?
  • Ist der sichere Rückkanal auch zu managen?

Darüber hinaus machte Ronny Becker klar, welche Anforderungen NOA erfüllen muss, um Connectivity zu gewährleisten. Zuallererst müssten die Lösungen möglichst einfach sein, um Betreiber von NOA zu überzeugen. Eine Voraussetzung dafür sei das NOA-Informationsmodell. Bei den Anforderungen an die Bandbreite und die Internetverbindung müssten Anbieter vor allem realistische Voraussetzungen für die Use Cases formulieren, während Betreiber Konnektivität und Bandbreite zur Verfügung stellen müssen. 
Darüber hinaus müsse der Betreiber ausreichend Flexibilität bekommen, um das NOA-IM im Feldgerät, der Remote-IO, im FDI-Server oder in der M+O-Sensorik nutzen zu können. Zu guter Letzt sei die Nutzung robuster, interoperabler und verlässlicher Connectivity-Standards zu realisieren. Für das Übertragungsprotokoll wäre dies OPC UA und für das Informationsmodell das NOA-IM.
Ilona Sonnevend (Bayer) und Kai Dadhe (Evonik) machten in ihrem anschließenden Vortrag deutlich, wie mehr Daten zu mehr Konnektivität und damit mehr Wert führen können. Dafür müssten sich Unternehmen erst einmal darüber klar werden, dass eine Produktion laut Sonnevend ein komplexes sozioökonomisches System sei und Mehrwert aus Informationen nur dann entstehen könne, wenn aus ihnen konkrete Handlungen abgeleitet werden könnten.
Um dies überhaupt tun zu können müssten Betreiber nicht nur ihre Systeme, sondern auch ihre Geschäftsprozesse vernetzen. Noch herrsche in der Branche das Maxim: "Geld geht vor Hoffnung". Der technische Imperativ ("Wir brauchen mehr Konnektivität") müsse mit dem ökonomischen Imperativ ("Wir müssen besser und wirtschaftlicher werden") abgewogen werden. Beide Referenten plädierten anschließend für einen Connectivity-Sandkasten, in dem "Connectivity gelebt wird" und entsprechend Experimente durchgeführt werden können.

|||Die Cloud als Luftschloss?
Den NAMUR-Vortragsblock schloss Jan de Caigny (BASF) ab, der zunächst einmal klar stellte, dass auch heute noch das Vertrauen in die Datenwolke fehle. Es brauche rationale Beweggründe und eine objektive Einschätzung, wenn es um die Nutzung der Cloud gehe. Noch zu häufig seien hier Emotionen und subjektive Vorbehalte entscheidend. Um die verschiedenen Leistungen von Cloud-Services darzustellen, verglich de Caigny diese Dienste sehr eindrucksvoll mit "Pizza-as-a-service" (s. Foto unten).
Darüber hinaus machte er deutlich, dass nicht jede on-premise-Lösung sicher ist und auch ein "Internet der Clouds" niemandem helfe. Letztendlich würden hybride Systeme (on- sowie off-premise) wohl die beste Lösung sein. Hier noch einmal seine Kernaussagen:

  1. Es gibt keine technischen Beweggründe, um nicht mehr Cloud-Technologien zu nutzen
  2. Überlegen Sie sich genau, was Sie brauchen: Cloud ≠ Cloud ≠ Cloud
  3. Sicherheit ergibt sich aus Kompetenz und Vertrauen in den richtigen Partner
  4. Die richtige Cloud-Architektur hängt von Ihren funktionalen Voraussetzungen ab

Am Nachmittag des ersten Kongresstags konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wie gewohnt an verschiedenen Workshops in sechs unterschiedlichen Panels teilnehmen. Eine genaue Übersicht der angebotenen Seminare finden Sie hier.||| Der zweite Kongresstag startete wie gewohnt mit der Vergabe des NAMUR-Awards. In diesem Jahr vergab die NAMUR gleich drei Preise. Für seine Dissertation erhielt Dr. Daniel Hasskerl (TU Dortmund/BASF) die begehrte Auszeichnung. Darüber hinaus wurden Sophia Cordes und Artan Markaj (beide Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr Hamburg) ausgezeichnet.
Die IT/OT-Welle – ein Tsunami oder eine Welle, die man reiten kann?
Das spannungsgeladene Verhältnis von IT und OT arbeiteten Felix Hanisch (Bayer) und Jens Kroneis (BASF) in ihrem Vortrag auf. Zunächst einmal ginge es darum, die Daten aus der Feldebene vernünftig zu qualifizieren. Jens Kroneis plädierte hier für das F.A.I.R data principle (s. Foto links). Geschehe dies nicht würden wir noch lange in der "Kompatibilitätshölle" gefangen sein.
Felix Hanisch fokussierte sich vor allem auf die unterschiedlichen Anforderungen und die Problembereiche der IT für die Branche. Zum einen sind die deutlich kürzeren Lebenszyklen der IT nicht gut mit den wesentlich längenen Lifecycles in der Prozessindustrie zu vereinbaren. Außerdem verwenden Anwender oft verschiedene IT-Produkte, deren Software oft nicht kompatibel sei. Die Kosten, diese Programme zu verbinden, brächten außer Kosten kaum Benefit. Auch der stärkere Fokus von IT-Lösungen auf Greenfield-Anlagen sei ein Problem.
Letztendlich müsse die Rechenschaftspflicht zwischen IT und OT in allen Szenarien diskutiert und mit der Unternehmensstrategie in Einklang gebracht werden. Bei Bayer bedeute dies, eine End-to-end-Dgitalisierung der Wertschöpfungskette, in der immer mehr OT-Aufgaben in die IT integriert werden.|||NAMUR, quo vadis?
Nach einem kurzen Ständchen der NAMUR-Gemeinde zum 70. Geburtstag der Interessengemeinschaft (s. Video unten) gab der Vorstandsvorsitzende der NAMUR, Felix Hanisch, in seinem Vortrag den Blick auf die Zukunft der Interessengemeinschaft frei. In seinem Vortrag, der den selben Titel trug wie ein Leitartikel aus 1993 des damaligen NAMUR-Geschäftsführers Hasso Drathen und atp-Chefredakteur K. F. Früh, zeigte Hanisch zunächst einmal auf, wie die Mitgliederbefragung der NAMUR gelaufen ist und welche Erkenntnisse daraus gezogen worden sind.
Die sehr erfahrene (mehr als die Hälfte der Mitglieder sind älter als 50 Jahre) Interessengemeinschaft hat einen sehr hohen Akzeptanz-Level, befasst sich laut ihrer Mitglieder allerdings noch nicht ausreichend mit Kostenersparnissen durch Synergieeffekte und akquiriert zu wenige Young Talents. Auch die Kommunikation der NAMUR-Themen innerhalb der Mitgliedsunternehmen ist verbesserungswürdig, obwohl sie sich bezogen auf ihre Fokusthemen sehr gut positioniert.
Daraus leitet die NAMUR die folgenden Schlüsse ab:

  • Es werden die richtigen Fokusthemen adressiert (5G, MTP, NOA, ALCDM), allerdings muss besser kommuniziert werden
  • Bisherige Zusammenarbeit und Kommunikation muss verändert werden (temporäre Projekte/Task Forces)
  • Akquise von jungen Talenten muss stärker gefördert werden.

||| Warum die Prozessindustrie die Digitalisierung nicht zum Fliegen kriegt
Im letzten Vortrag der NAMUR-Hauptsitzung fand Andreas Schüller (Yncoris) dann klare Worte, warum die Prozessindustrie bezogen auf die Digitalisierung nicht sonderlich gut voran kommt. Es  gehe um eine Branche, die immer noch genug Geld hat um:

  • Papier zu benutzen
  • Devices ohne Grund auszutauschen
  • Inkonsistenzen zu dulden, die zu Verschiebungen während des Anlagenbaus und Anfahrens führen
  • Unternehmen zu beauftragen, um Dokumente aufzubereiten

Dennoch gäbe es keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Um nun die Digitalisierung endlich zum Fliegen zu bekommen, müssten Anwender endlich wissen, was ihre Daten bedeuten. Häufig scheitere dies laut Schüller an fehlenden Modellierungen, genug Produkte, sowohl Software als auch Hardware, seien in jedem Fall vorhanden.
Auch Informationsmodellen kommt eine entscheidende Rolle zu. Hier gäbe es mit den verschiedenen Bemühungen von ZVEI, Dechema, NAMUR und dem VDI gleich eine ganze Hand voll. Für Schüller wäre es außerdem fatal zu versuchen, diese Informationsmodelle zu einem einzigen Modell zusammenzuführen. Teilmodelle könnten individuell besser aktualisiert werden. NOA sei in diesem Zusammenhang kein Allheilmittel.
Außerdem müsse sich die Branche fragen, ob die strikte Trennung von CAPEX und OPEX überhaupt zur Digitalisierung passe. In der bestehenden Struktur gäbe es kein gemeinsames Interesse daran, die digitale Transformation voranzutreiben.||| "Die IT/OT-Conversion ist kein Rückzugsgefecht"
In seinem Abschlussvortrag fasste der NAMUR-Vorsitzende Felix Hanisch die Hauptsitzung noch einmal zusammen. FÜr ihn sei klar geworden: "NOA muss konkretisiert werden". Die Digitalisierung schreite weiter voran, maßgeblich sei allerdings die Verschmelzung von IT und OT, die keineswegs ein Rückzugsgefecht der OT sei. "IT kann uns dabei helfen, OT-Expertise zu maximieren", ist sich Hanisch sicher.
Abschließend enthüllte er das Motto der kommenden NAMUR-Hauptsitzung. 2020 wird die Veranstaltung unter dem Motto "Boosting Your Asset Lifecycle for Power and Process" stehen. Sponsor der NAMUR-Hauptsitzung wird Schneider Electric sein.|||

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