Mit dem Entwurf der VDI 4095 erhält das Kunststoffrecycling einen gemeinsamen Bewertungsrahmen für die Kreislaufwirtschaft. Die Richtlinie bündelt Begriffe, rechtliche Grundlagen, Recyclingverfahren und Bewertungsmethoden. Damit soll sie die Zusammenarbeit zwischen Produktentwicklung, Produktion, Nutzung, Sammlung, Sortierung und Recycling erleichtern.
Kunststoffrecycling bleibt hinter dem technischen Potenzial zurück
Die stoffliche Kreislaufführung von Kunststoffen ist in Deutschland bislang begrenzt. Im Jahr 2023 wurden 5,58 Mio. t Post-Consumer-Kunststoffabfälle erfasst. Davon wurden 64 % energetisch verwertet und 35 % recycelt. Gleichzeitig wurden 8,82 Mio. t Kunststoffneuware aus fossilen Rohstoffen produziert, während die Herstellung von Kunststoffrezyklaten bei 2,01 Mio. t lag.
Technisch können hochwertige Rezyklate bereits in zahlreichen Anwendungen eingesetzt werden. Entscheidend ist jedoch nicht allein das Recyclingverfahren. Auch Produktgestaltung, Werkstoffauswahl, Reparierbarkeit, Sammlung und Sortierung beeinflussen, ob ein Kunststoff nach seinem ersten Lebenszyklus erneut als hochwertiger Rohstoff eingesetzt werden kann.
VDI 4095 verbindet die Stufen der Wertschöpfungskette
Die VDI 4095 „Bewertung von Kunststoffen in der Kreislaufwirtschaft“ betrachtet deshalb nicht nur den eigentlichen Recyclingprozess. Der Richtlinienentwurf bezieht die gesamte Wertschöpfungskette ein und schafft gemeinsame Definitionen sowie Bewertungsgrundlagen für die beteiligten Akteure.
Für industrielle Unternehmen ist dieser Ansatz vor allem an den Schnittstellen relevant. Produktentwickler müssen berücksichtigen, wie Werkstoffe später getrennt und aufbereitet werden können. Recycler benötigen wiederum möglichst definierte und hochwertige Stoffströme. Einheitliche Begriffe, Kennzahlen und Qualitätsanforderungen können dazu beitragen, Anforderungen zwischen diesen Bereichen eindeutiger zu beschreiben.
Standardisierung soll Rezyklateinsatz erleichtern
Eine wesentliche Funktion der Richtlinie liegt damit in der Standardisierung. Vergleichbare Bewertungsmethoden können die technische Beurteilung von Rezyklaten unterstützen und eine gemeinsame Grundlage für Entscheidungen entlang der Wertschöpfungskette schaffen. Der VDI verbindet damit das Ziel, den Übergang von einzelnen Anwendungen und Pilotprojekten zu einer breiteren industriellen Kreislaufführung zu unterstützen.
Für die Prozess- und Fertigungsindustrie betrifft dies sowohl die Materialauswahl als auch Qualitätsanforderungen und Beschaffungsentscheidungen. Voraussetzung für höhere Rezyklatanteile bleiben jedoch ausreichend verfügbare und qualitativ geeignete Kunststoffabfälle als Ausgangsmaterial.
Rezyklate können Rohstoffabhängigkeiten reduzieren
Neben Umwelt- und Ressourcenaspekten gewinnt Kunststoffrecycling auch aus wirtschaftlicher Sicht an Bedeutung. Kunststoffneuware basiert überwiegend auf fossilen Rohstoffen und ist damit von internationalen Rohstoffmärkten und Lieferketten abhängig. Rezyklate können dagegen stärker in regionale Stoffkreisläufe eingebunden werden.
Der VDI verweist in diesem Zusammenhang auf die Preisentwicklung bei LDPE im Jahr 2026. Demnach stieg der Preis für neu hergestelltes LDPE zwischen Januar und Mai um 72 %, während rezykliertes LDPE im gleichen Zeitraum um 8 % zulegte. Das Beispiel verdeutlicht, dass unterschiedliche Rohstoffquellen auch unterschiedlich stark auf globale Marktentwicklungen reagieren können.
Entwurf der VDI 4095 liegt zur Stellungnahme vor
Die VDI 4095 ist im September 2026 als Entwurf erschienen. Stellungnahmen zum Richtlinienentwurf können bis zum 28. Februar 2027 eingereicht werden. Damit befindet sich der Bewertungsrahmen noch im Abstimmungsprozess. Einsprüche zum Entwurf sind bis zum 28.02.2027 über das Einspruchsformular möglich.
Fazit
Die VDI 4095 setzt an einem zentralen Problem der Kunststoff-Kreislaufwirtschaft an: Recyclingfähigkeit entsteht nicht erst in der Recyclinganlage, sondern entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Einheitliche Begriffe, Bewertungsmethoden und Qualitätsanforderungen können dazu beitragen, die technischen Schnittstellen zwischen Produktentwicklung, Produktion und Recycling klarer zu definieren.








