Mit der ersten Zertifizierung nach ISO/PAS 8800 hat TÜV Rheinland die praktische Anwendung des Standards für KI-Sicherheit im Automotive-Bereich abgeschlossen. Die Zertifizierung betrifft die Managementprozesse des Produktentwicklungs- und Forschungszentrums des chinesischen staatlichen Automobilkonzerns Dongfeng Motor Corporation. ISO/PAS 8800 adressiert dabei Sicherheitsaspekte, die bei KI-basierten Fahrzeugsystemen über die klassische Softwarebetrachtung hinausgehen.
ISO/PAS 8800 erweitert die KI-Sicherheit im Fahrzeug
ISO/PAS 8800 ergänzt bestehende Standards für die funktionale Sicherheit im Automobilbereich um Anforderungen, die speziell auf KI zugeschnitten sind. Der Standard stellt einen strukturierten Rahmen bereit, um sicherheitsrelevante KI-Systeme über den Entwicklungs- und Sicherheitslebenszyklus hinweg zu analysieren und abzusichern.
Damit erweitert ISO/PAS 8800 die Betrachtung gegenüber etablierten Normen wie ISO 26262. Bei KI-Systemen reicht es nicht aus, ausschließlich die Software zu bewerten. Auch Datensätze, Modelle, Trainingsprozesse und das Verhalten eines Systems während des Betriebs können sicherheitsrelevant sein.
Datensätze und KI-Modelle werden Teil der Sicherheitsbetrachtung
Für die Entwicklung KI-basierter Fahrzeugfunktionen ergeben sich daraus zusätzliche Anforderungen an Validierung und Nachweisführung. Risiken können beispielsweise durch ungeeignete Trainingsdaten, unerwartetes Verhalten in neuen Situationen oder Veränderungen während des realen Betriebs entstehen.
Ein zentraler Bestandteil ist deshalb eine nachvollziehbare Sicherheitsargumentation. Sie muss durch Dokumentation sowie Ergebnisse zu Datensätzen, Modellen, Tests und der Überwachung im Betrieb gestützt werden. Damit rückt neben dem eigentlichen Algorithmus die gesamte Entwicklungskette eines KI-Systems in den Fokus.
Verknüpfung mit ISO 26262 und SOTIF
Audits nach ISO/PAS 8800 können laut TÜV Rheinland mit weiteren für die Automobilindustrie relevanten Prüfungen verbunden werden. Dazu zählen ISO 26262 zur funktionalen Sicherheit und ISO 21448 für Safety of the Intended Functionality, kurz SOTIF. Damit lassen sich Managementsystem-Audits, Prozessbewertungen und Konformitätsbewertungen aufeinander abstimmen.
Eine strukturierte Nachweisführung nach ISO/PAS 8800 kann darüber hinaus für Themen wie Fahrzeugtypgenehmigung und Produkthaftung relevant werden. Die vorliegende Meldung macht jedoch keine Angaben dazu, welche konkreten Zulassungsverfahren bereits eine Zertifizierung nach ISO/PAS 8800 voraussetzen.
Bedeutung für die Entwicklung von Industrial AI
Die Zertifizierung zeigt, wie sich Anforderungen an KI in bestehende Sicherheitsprozesse der Fahrzeugentwicklung integrieren lassen. Für Entwickler und Verantwortliche für funktionale Sicherheit entsteht damit ein Rahmen, der Datenqualität, Modellverhalten, Tests und Betriebsüberwachung systematisch in die Sicherheitsbewertung einbezieht.
Für die industrielle Anwendung von KI ist dieser Ansatz auch über den konkreten Zertifizierungsfall hinaus relevant: Je stärker KI-Systeme sicherheitskritische Funktionen übernehmen, desto wichtiger werden nachvollziehbare Prozesse und belastbare Nachweise entlang des gesamten Lebenszyklus. ISO/PAS 8800 konkretisiert diesen Ansatz für den Automotive-Bereich.
Fazit
Mit der ersten Zertifizierung nach ISO/PAS 8800 liegt ein praktischer Anwendungsfall für die systematische Bewertung sicherheitsrelevanter KI im Fahrzeugbereich vor. Entscheidend ist die erweiterte Perspektive: Neben Software und Funktion werden auch Datensätze, Modelle, Training, Tests und das Verhalten im Betrieb Bestandteil der Sicherheitsnachweise.








