Dr.-Ing. Thomas Tauchnitz, Chefredakteur Industry des atp magazins, erklärt die Vorteile von Geschäftsmodellen mit „Pay-for-Performance“.
Geld verdienen mit Stadtführungen? Geht nicht!
Glauben Sie, dass das Anbieten von Stadtführungen eine gute Idee ist, um Geld zu verdienen? Früher hätte ich ganz sicher geantwortet: wohl kaum. Ich erinnere mich an manche Stadtführung, organisiert vom „Fremdenverkehrsamt“ der Städte, wo die Namen der jeweiligen Fürstengeschlechter heruntergeleiert wurden und man mit Jahreszahlen gelangweilt wurde: „Der barocke Turmhelm wurde im Jahr 1743 von Kurfürst Wilhelm Friedrich errichtet durch Baumeister Johann Wurz.“ Man kann es gar nicht so schnell vergessen, wie man es hört, und es interessiert auch niemanden, der nicht einige Semester Kunstgeschichte studiert hat.
Free guided Tour
Doch seit einigen Jahren gibt es ein neues Geschäftsmodell. „Free guided Tour“ heißt es, und es gibt inzwischen mehrere weltweit tätige Konzerne, die damit Geld verdienen. Aber natürlich haben sie nicht das Geschäftsmodell der klassischen Stadtführungen übernommen, sondern sie neu erfunden. Sie wenden sich an eine andere, jüngere Kundschaft.
- Zeit und Treffpunkt stehen im Internet, eine Anmeldung ist nicht erforderlich (auch, wenn sie die Planung erleichtert und gerne gesehen wird). Das ermöglicht Spontanietät.
- Die Führungen sind formal kostenlos. Nach der Führung darf man dem Guide Geld in die Hand drücken – im eigenen Ermessen, so viel, wie es einem wert war. Ich vermute: das ist im Mittelwert mehr als die festgesetzten „Gebühren“ der klassischen Führungen.
- Es gibt zwar auch Informationen zur Geschichte und Architektur. Einen größeren Raum nehmen allerdings ganz praktische und aktuelle Informationen ein: Wo fahren hier die Busse? Wie kommt man an ein Ticket? Wo sind preiswerte Restaurants und angesagte Bars? Wer wohnt hier, wovon leben sie, wie verbringen sie ihre Zeit?
- Die Führenden sind in der Regel Studierende oder junge Leute am Anfang ihres Berufslebens. Andere würden die kritische Seite des Geschäftsmodells eher nicht akzeptieren: Die Einnahmen hängen von der Laune der Teilnehmenden ab. Andererseits gilt das ja in vielen Bereichen des Tourismus, vom Taxi bis zum Restaurant.
- Es gibt – wie bei den klassischen Stadtführungen auch – eine klare Qualitätssicherung: Die Führenden werden geschult und geprüft. Außerdem gibt es wie im Internet üblich eine Bewertung durch die Teilnehmenden. Und natürlich dürfte auch die Höhe der Bezahlung von der Zufriedenheit abhängen – das ist eine sehr direkte Rückkopplung. Und wenn jemand wirklich unzufrieden ist, gibt es die „Abstimmung mit den Füßen“.
Pay for Performance
Keine Angst, ich steige jetzt nicht in die Tourismusbranche um, sondern bleibe bei der Automatisierung. Aber der Ansatz der „Free guided Tours“ gefällt mir: Ein neues Geschäftsmodell für einen zusätzlichen Markt, der bisher nicht erreicht wurde. Und eine Vergütung nach dem „Pay-for-Performance“- oder „Pay-for-Success“-Modell.
Für solche neuen Geschäftsmodelle sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt:
- Optimierung von Regelungen: Bezahlt wird für eingesparte Energien und verbesserte Produktqualität.
- Erstellung von Software: Geld gibt’s für eine schnelle und erfolgreiche Inbetriebnahme.
- Instandhaltung: Deren Honorar hängt von der erreichten Verfügbarkeit ab.
Solche Geschäftsmodelle erfordern ein Umdenken in Einkauf, Controlling und Rechtsabteilung („Wie hoch ist denn nun der Bestellwert?“) sowie unternehmerischen Mut des Anbieters („Schaffen wir die Verbesserung wirklich?“). Es widerspricht auch unserem anerzogenen Wunsch nach einer Bezahlung nach Aufwand.
Aber es setzt Kreativität frei, und die brauchen wir jetzt!
Dr.-Ing. Thomas Tauchnitz
Chefredakteur Industry atp magazin
atp@TAUTOMATION.consulting







