Dr.-Ing. Thomas Tauchnitz, Chefredakteur Industry des atp magazins, nimmt die kritische Frage auf, ob Digitalisierung uns wirklich hilft.
Vor kurzem hatte ich eine gemütliche Gesprächsrunde mit Fachkolleg:innen der Automatisierungstechnik in der Prozessindustrie. Wir sprachen über die verschiedenen Aspekte der Digitalisierung: Optimierung der eigenen Produktion sowie Datenaustausch mit Kunden, Lieferanten und Dienstleistern. Es ging um Einsparungen („save money“) und neue Geschäftsmodelle („make money“). Da stellte ein geschätzter Kollege die Frage: „Wozu brauchen wir denn die ganze Digitalisierung? Das kostet doch nur Geld und macht die Sache komplizierter! Wir haben doch heute schon alle Daten, die wir brauchen!“
Puls und Blutdruck schnellten in die Höhe. Typisch Prozessindustrie, dachte ich. Da gibt es seit 2011 die Initiative „Industrie 4.0“, da fließen Millionen in die Entwicklung von standardisierten Informationsmodellen und elektronischen Marktplätzen, da ist der Anteil des Digitalgeschäfts bei deutschen Konzernen auf über 10 % gestiegen. Da gibt es die Asset Administration Shell, da kommt der Digitale Produktpass, da arbeiten NAMUR und Automatisierungsunternehmen an der digitalen Gerätekommunikation APL, an Informationsmodellen wie NOA und MTP. Da ist Künstliche Intelligenz in aller Munde – und die braucht Daten, wenn sie nicht halluzinieren soll. Und da sagt jemand: „Brauchen wir nicht, haben wir schon alles!“
Innovativ oder beobachtend?
Mit etwas Abstand bin ich aber dankbar für die Frage, weil sie den Finger in die Wunde legt. Es gibt derzeit getrennte Welten. Auf der einen Seite die Innovativen, die die Digitalisierung vorantreiben. Man trifft sie auf Messen, auf Tagungen, sie lesen das atp magazin, sie prüfen Use Cases und implementieren Anwendungen. Aber das sind vielleicht nur 20 %. Die große Mehrheit sind die Beobachtenden, die mehr oder weniger desinteressiert auf die neuen Entwicklungen schauen und den Eindruck haben, dass ein Hype den nächsten jagt, ohne dass daraus ein großer Nutzen entsteht. Offensichtlich gelingt es den „Innovatoren“ nicht, die „Beobachtenden“ davon zu überzeugen, dass Digitalisierung nicht „nice to have“, sondern überlebensnotwendig ist. Die Folge: Die Nachfrage nach den neuen Lösungen ist noch sehr verhalten.
Meine große Bitte an beide Seiten
- Liebe Innovative, bitte schwärmen Sie nicht technikverliebt von der „schönen neuen Welt“, sondern bringen Sie Fakten, beschreiben Sie Anwendungen, rechnen Sie den Nutzen vor, seien Sie auch ehrlich mit dem Aufwand. „Jetzt mal Butter bei die Fische!“, sagt man in Norddeutschland.
- Liebe Beobachtende, lesen Sie das neue atp magazin, das sich mit digitalen Produktpässen, Datendurchgängigkeit, All Electric Society, Künstlicher Intelligenz und Nachhaltigkeit beschäftigt. Und besuchen Sie die Hannover Messe: Hinterfragen Sie die Präsentationen, gehen Sie in die Fachgespräche und trennen Sie die „Spreu vom Weizen“.
Und nur wenn Sie überzeugt sind, guten Weizen zu haben, dann gilt es, Ihren Acker zu bestellen und die Zuschauerrolle zu verlassen. Und bitte berichten Sie später über Ihre Anwendungen.
Dr.-Ing. Thomas Tauchnitz
Chefredakteur Industry atp magazin
atp@TAUTOMATION.consulting







