Dr.-Ing. Thomas Tauchnitz, Chefredakteur Industry des atp magazins, fragt sich, warum MTP und APL noch immer nur selten eingesetzt werden.
Zwei Beispiele für Fortschrittsverweigerung
Normalerweise stehe ich in meinen atp weeklys ja auf der Seite der Ingenieure und Ingenieurinnen, aber dieses Mal muss ich auf unsere Zunft schimpfen – obwohl ich es ungern tue. Zugegeben, wir Deutschen sind risikoscheu – aber wenn daraus Fortschrittsverweigerung wird, werde ich ungeduldig. Zwei Beispiele hierfür:
- MTP – Module Type Package – ist eine standardisierte Datei, die das Verhalten einer verfahrenstechnischen Einheit beschreibt – das kann ein Baustein einer flexiblen, modularen Produktionsanlage sein oder auch eine automatisierte Package Unit. MTP beschreibt, welche Funktionen das Modul ausführen kann, welche Messwerte und Alarme es liefert und wie sein Bedienbild aussieht. Das erleichtert die Integration in überlagerte Automatisierungssysteme: Dadurch sinken die Integrationskosten um 20.000 bis 50.000 Euro pro Modultyp. Und falls man außerdem eine flexible modulare Produktion anstrebt, kann man über „Plug-and-Produce“ sehr viel schneller produzieren.
Zugegeben: MTP ist noch eine relativ „neue“ Technologie, noch nicht jedes Automatisierungssystem kann damit umgehen und in der Standardisierung wird es noch Änderungen geben. Aber welches Risiko hat jemand, der Module mit MTP kauft? KEIN Risiko – das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass er die Integration wie bisher von Hand machen muss und die Vorteile noch nicht vollständig nutzen kann. Also im Worst Case geht alles so wie heute, in der Erwartung wird es viel besser – aber trotzdem schrecken viele vor dem „Risiko“ zurück.
- Ethernet-APL – Advanced Physical Layer – ermöglicht eine digitale Kommunikation mit Feldgeräten im explosionsgefährdeten Bereich. Durch einen „Technologie-Stack“ aus Profinet, Standardtreiber nach PA Profil 4, FDI-Package und Informationsmodell PA-DIM werden nicht nur die Messwerte übertragen, sondern auch ohne Programmieraufwand viele Statusinformationen über die Geräte. Und das mit 10 Mbit/s statt bisher 0,0012 Mbit/s mit dem HART-Protokoll.
Zugegeben: Auch hier gibt es noch Feldgeräte und Netzwerkkomponenten, die nicht den vollen „Technologie-Stack“ enthalten. Aber die Messwerte kommen durch, seit Jahren schon, getestet und validiert in mehreren Prüflaboren der Betreiber. Das Engineering und die Geräteintegration werden durch APL viel einfacher, eine Verpolung kann es nicht mehr geben und die Auswahl von Geräten und Komponenten ist inzwischen befriedigend. Also: KEIN Risiko – die Messwerte werden ganz sicher übertragen und die Gerätedaten kommen, wenn nicht jetzt, dann mit dem nächsten Upgrade.
Angst, KEIN Risiko einzugehen
Aber es gibt auch ein Risiko durch das Festhalten am Alten. Eine Großtante von mir kaufte kurz nach der Wende einen Trabi (für die Jüngeren: Trabant aus DDR-Produktion) und war ganz glücklich, dass sie ihn jetzt ohne Wartezeit bekam. Selbstverständlich fuhr sie ihn nicht lange, weil er total veraltet war.
Ebenso ist das Risiko, MTP und APL einzusetzen, viel kleiner als die Gewissheit, dass Ihr Nachfolger oder Ihre Nachfolgerin Sie verfluchen wird, wenn Sie im Jahr 2025 noch Feldgeräte mit 4-20mA kaufen oder Module ohne MTP. Niemand möchte einen Trabi erben.
Dr.-Ing. Thomas Tauchnitz
Chefredakteur Industry atp magazin
atp@TAUTOMATION.consulting







