Generic filters
FS Logoi

Die Angst davor, kein Risiko einzugehen

Dr.-Ing. Thomas Tauchnitz, Chefredakteur Industry des atp magazins, fragt sich, warum MTP und APL noch immer nur selten eingesetzt werden. Zwei Beispiele für Fortschrittsverweigerung Normalerweise stehe ich in meinen atp weeklys ja auf der Seite der Ingenieure und Ingenieurinnen, aber dieses Mal muss ich auf unsere Zunft schimpfen – obwohl ich es ungern tue. Zugegeben, […]

von | 24.04.25

Warum will heute niemand mehr außer aus (n)ostalgischen Gründen einen Trabi erben?
foto: Foto: Peter H/ Pixabay

Dr.-Ing. Thomas Tauchnitz, Chefredakteur Industry des atp magazins, fragt sich, warum MTP und APL noch immer nur selten eingesetzt werden.

Zwei Beispiele für Fortschrittsverweigerung

Normalerweise stehe ich in meinen atp weeklys ja auf der Seite der Ingenieure und Ingenieurinnen, aber dieses Mal muss ich auf unsere Zunft schimpfen – obwohl ich es ungern tue. Zugegeben, wir Deutschen sind risikoscheu – aber wenn daraus Fortschrittsverweigerung wird, werde ich ungeduldig. Zwei Beispiele hierfür:

  • MTP – Module Type Package – ist eine standardisierte Datei, die das Verhalten einer verfahrenstechnischen Einheit beschreibt – das kann ein Baustein einer flexiblen, modularen Produktionsanlage sein oder auch eine automatisierte Package Unit. MTP beschreibt, welche Funktionen das Modul ausführen kann, welche Messwerte und Alarme es liefert und wie sein Bedienbild aussieht. Das erleichtert die Integration in überlagerte Automatisierungssysteme: Dadurch sinken die Integrationskosten um 20.000 bis 50.000 Euro pro Modultyp. Und falls man außerdem eine flexible modulare Produktion anstrebt, kann man über „Plug-and-Produce“ sehr viel schneller produzieren.
    Zugegeben: MTP ist noch eine relativ „neue“ Technologie, noch nicht jedes Automatisierungssystem kann damit umgehen und in der Standardisierung wird es noch Änderungen geben. Aber welches Risiko hat jemand, der Module mit MTP kauft? KEIN Risiko – das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass er die Integration wie bisher von Hand machen muss und die Vorteile noch nicht vollständig nutzen kann. Also im Worst Case geht alles so wie heute, in der Erwartung wird es viel besser – aber trotzdem schrecken viele vor dem „Risiko“ zurück.
  • Ethernet-APL – Advanced Physical Layer – ermöglicht eine digitale Kommunikation mit Feldgeräten im explosionsgefährdeten Bereich. Durch einen „Technologie-Stack“ aus Profinet, Standardtreiber nach PA Profil 4, FDI-Package und Informationsmodell PA-DIM werden nicht nur die Messwerte übertragen, sondern auch ohne Programmieraufwand viele Statusinformationen über die Geräte. Und das mit 10 Mbit/s statt bisher 0,0012 Mbit/s mit dem HART-Protokoll.
    Zugegeben: Auch hier gibt es noch Feldgeräte und Netzwerkkomponenten, die nicht den vollen „Technologie-Stack“ enthalten. Aber die Messwerte kommen durch, seit Jahren schon, getestet und validiert in mehreren Prüflaboren der Betreiber. Das Engineering und die Geräteintegration werden durch APL viel einfacher, eine Verpolung kann es nicht mehr geben und die Auswahl von Geräten und Komponenten ist inzwischen befriedigend. Also: KEIN Risiko – die Messwerte werden ganz sicher übertragen und die Gerätedaten kommen, wenn nicht jetzt, dann mit dem nächsten Upgrade.

Angst, KEIN Risiko einzugehen

Liebe Fachwelt, offensichtlich gibt es bei uns die Angst, KEIN Risiko einzugehen, wie es ein NAMUR-Kollege treffend formulierte. Ist es wirklich das Risiko, das uns abhält, oder ist das nur ein vorgeschobener Grund? Fehlt uns die Kraft, die Zeit für eine Innovation? Ist es Bequemlichkeit? Ist es die Angst vor Kritik, wenn wider Erwarten nicht alles sofort funktioniert? Ich verstehe es nicht.

Aber es gibt auch ein Risiko durch das Festhalten am Alten. Eine Großtante von mir kaufte kurz nach der Wende einen Trabi (für die Jüngeren: Trabant aus DDR-Produktion) und war ganz glücklich, dass sie ihn jetzt ohne Wartezeit bekam. Selbstverständlich fuhr sie ihn nicht lange, weil er total veraltet war.

Ebenso ist das Risiko, MTP und APL einzusetzen, viel kleiner als die Gewissheit, dass Ihr Nachfolger oder Ihre Nachfolgerin Sie verfluchen wird, wenn Sie im Jahr 2025 noch Feldgeräte mit 4-20mA kaufen oder Module ohne MTP. Niemand möchte einen Trabi erben.

 

Dr.-Ing. Thomas Tauchnitz
Chefredakteur Industry atp magazin
atp@TAUTOMATION.consulting

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

Jetzt Newsletter abonnieren

Brennstoff für Ihr Wissen, jede Woche in Ihrem Postfach.

Hier anmelden

Halbleiterversorgung: TU München stellt EU-weit ersten 7-Nanometer-Chip her
Halbleiterversorgung: TU München stellt EU-weit ersten 7-Nanometer-Chip her

An der TU München (TUM) ist der EU-weit erste KI-Chip mit moderner 7-Nanometer-Technologie entstanden. Prof. Hussam Amrouch entwickelte den neuromorphen Chip auf Grundlage des Standards des weltweit führenden Chip-Produzenten TSMC. Künftig will der Professor für KI-Prozessor-Design zusammen mit seiner Forschungsgruppe jährlich mindestens drei neue Designs entwerfen, die ab 2028 von der European Semiconductor Manufacturing Company (ESMC) in Dresden gefertigt werden sollen.

mehr lesen
Klimaneutrale Chemie: Versorgung mit nachhaltigem Kohlenstoff ist möglich
Klimaneutrale Chemie: Versorgung mit nachhaltigem Kohlenstoff ist möglich

Kohlenstoff ist ein zentraler Rohstoff in der Chemieindustrie – stammt aber heute noch überwiegend aus fossilem Öl, Gas oder Kohle. Die Verfügbarkeit nachhaltiger Kohlenstoffquellen ist für die klimaneutrale Transformation der Branche daher entscheidend. Das nun von der Initiative IN4climate.NRW veröffentlichte Diskussionspapier „Kohlenstoff – aber nachhaltig!” zeigt: Die Kohlenstoffbedarfe der deutschen Chemieindustrie lassen sich nachhaltig decken. Importe sind dafür nicht zwingend erforderlich, wohl aber besteht dringender politischer Handlungsbedarf. Das Diskussionspapier steht zum kostenfreien Download bereit.

mehr lesen
Neue VDI-Richtlinie für die Qualität von Längenmessungen erschienen
Neue VDI-Richtlinie für die Qualität von Längenmessungen erschienen

Ob in der Fertigungstechnik und Qualitätssicherung, im Maschinen- und Anlagenbau, in der Automatisierungs- und Prüftechnik oder Instandhaltung: Taktile Längenmesseinrichtungen mit analoger Messwerterfassung kommen überall dort zum Einsatz, wo kleinste Längenänderungen zuverlässig erfasst und weiterverarbeitet werden müssen. Damit diese Messdaten verlässlich bleiben, sind regelmäßige Prüfung und Kalibrierung unverzichtbar. Genau hier setzt die neue Richtlinie VDI/VDE/DGQ/DKD 2618 Blatt 14.1 an. Sie beschreibt praxisnah, wie Messtaster mit analoger Messwerterfassung fachgerecht geprüft und kalibriert werden.

mehr lesen

atp weekly

Der Newsletter der Branche

Ihr kostenfreier E-Mail-Newsletter für alle Belange der Automatiserung.

Sie möchten das atp magazin testen

Bestellen Sie Ihr kostenloses Probeheft

Überzeugen Sie sich selbst: Gerne senden wir Ihnen das atp magazin kostenlos und unverbindlich zur Probe!

Finance Illustration 03