Dr.-Ing. Thomas Tauchnitz, Chefredakteur Industry des atp magazins, fasst seine Eindrücke von der Hannover Messe zusammen.
„Industrial Transformation / Energizing a sustainable Industry” heißt das Motto der diesjährigen Hannover Messe, die noch bis morgen stattfindet. Wenn man die Vorankündigungen verfolgte, ging es nur um Künstliche Intelligenz (KI oder engl. AI) und Nachhaltigkeit (Sustainability). An den Ständen merkte man aber, dass die Messe thematisch doch breiter aufgestellt war. Ich habe für Sie acht Highlights zusammengestellt.
1. Künstliche Intelligenz
KI ist zunächst einmal ein Werkzeug. Glücklicherweise stand jetzt nicht mehr das Werkzeug an sich im Vordergrund, sondern durchaus sinnvolle Anwendungen. Als „Assistant“ oder „Copilot“ bezeichnet, unterstützt es bei Design, Engineering, Betrieb und Service von Anlagen. Die KI kann SPS Code erzeugen, Schaltschränke auswählen und deren Bestückung planen oder eine optimale Wasserstoffproduktion in Abhängigkeit von Strompreis, Wettervorhersage und Elektrolysator-Zustand vorschlagen. Leider gibt es auch künstliche Dummheit – wie soll ein gültiges Programm erzeugt werden, wenn man nicht abfragt, welche Temperatur denn mit welchem Ventil geregelt werden soll? Und „AI for Sustainability“ klingt auch lustig, wenn in den USA Atomkraftwerke für die Stromversorgung der KI-Farmen angefahren werden sollen. Man kann eben mit jedem Werkzeug Blödsinn machen.
2. Nachhaltigkeit
Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass die Automatisierung ein Chamäleon ist: Je nach Mode kann sie verschiedene Farben annehmen. Mal dient sie zur Kostensenkung, mal kompensiert sie den Fachkräftemangel, bei Pandemien und blockiertem Suezkanal steigert sie die Resilienz und aktuell trägt sie zur Nachhaltigkeit bei. Der Automatisierungs-Consultant grinst ein wenig – und genießt die ständige Aufmerksamkeit. Aber natürlich stimmen all diese Anwendungsfälle. Und gut automatisierte, effiziente und fehlerfreie Produktionsanlagen tragen selbstverständlich erheblich zur Nachhaltigkeit bei.
3. Digitaler Zwilling (Digital Twin)
Praktisch kein Messestand kommt ohne das Schlagwort „Digital Twin“ aus. Gemeint ist häufig nur, dass es eine Simulationsmöglichkeit gibt. (So gesehen, habe ich schon 1986 „Digitale Zwillinge“ für Polymerisationsreaktoren geschaffen ). Es werden viele sinnvolle Anwendungen gezeigt, so z.B. dass eine optimale Produktionsmenge für Wasserstoff-Elektrolysen in Abhängigkeit von Strompreis, Wettervorhersage und Elektrolysator-Zustand vorschlagen werden. Wenn man danach fragt, welche Informationen die „Digitalen Zwillinge“ denn sonst noch mitbringen; technische Daten, Handbücher, Wartungsanweisungen zum Beispiel, sieht man fragende Blicke. Die Verwendung des Begriffs „Digitaler Zwilling“ sollte 5 Euro in die Buzzword-Kasse kosten, wenn die Anwendung nicht auf Verwaltungsschalen basiert, sondern eine proprietäre Sonderlösung ist
4. Verwaltungsschale (AAS für Asset Administration Shell)
Die Verwaltungsschale lebt in 100 Parallelwelten mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Da gibt es Unternehmen, die ihren Kunden schon für 80.000 Produkte Verwaltungsschalen mit elektronischem Typenschild, Technischen Daten und Handbüchern liefern – und andere, die noch immer interessiert sagen: „Noch nie gehört, was ist das?“. Letztere werden Probleme haben, in spätestens fünf Jahren für ALLE Produkte in der EU einen elektronischen Produktpass mitzuliefern, um die gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen. Es gibt auch schon Anlagenbetreiber, die die AAS in ihren Einkaufsbedingungen nennen, aber noch nicht an einer geeigneten Infrastruktur (AAS Repository) arbeiten. Immerhin gibt es inzwischen eine Reihe kompetenter Dienstleister, die mit Rat und Werkzeugen für die AAS-Generierung und -Administration bereitstehen. Sie haben goldene Jahre vor sich.
5. Ökosysteme
Gesunde Ökosysteme zeichnen sich durch schnelles Wachstum aus. Aktuell schießen „Ökosysteme“ wie Pilze aus dem Boden, wie das Foto „All Projects at a Glance“ der Plattform Industrie 4.0 zeigt. Neben den „-X-Projekten“ wie Catena-X, Manufacturing-X, Factory-X, Seminconductor-X entstehen viele andere Ökosysteme. So gewinnt man Geschwindigkeit, riskiert aber Doppelarbeit oder sogar Widersprüche – hoffentlich gibt es „Masterminds“, die den Überblick behalten und das Schlimmste verhindern können.
6. Software Defined Automation
PC-gestützte Automatisierungssysteme gibt es unter dem Namen Soft-SPS seit 20 Jahren. Dieser Ansatz wurde häufig belächelt und für ungeeignet für „richtige“ Produktionsanlagen gehalten. Das ändert sich jetzt. Unter schönen Namen wie Software Defined Automation, Control as a Service oder DevOps wird angeboten, SPS-Funktionalität auf Edge-Computern oder in der Cloud zu implementieren. Ehrliche Hersteller weisen aber daraufhin, dass man je nach Anforderungen an Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit prüfen sollte, wohin man die Software-Container schiebt. Theoretisch geht sogar Funktionale Sicherheit via Cloud – ich glaube sogar, dass die sicher abschaltet, vermutlich aber sehr viel häufiger, als einem lieb ist.
7. Fehlanzeige: Fachkräftemangel
Im vorigen Jahr gab es auf der Hannover Messe kaum einen Messe-Stand, der sich nicht an den Nachwuchs wandte. Sie sind vom Erdboden verschwunden, ich habe nur ein paar Studierende gesehen, die kläglich nach Praktikantenstellen fragten. Bei allem Verständnis für die wirtschaftliche Situation mancher Branchen und Unternehmen (glücklicherweise nicht aller!): Die Studierenden, die heute nicht mit einem Technikstudium beginnen, werden nach dem nächsten Schweinezyklus in 5 Jahren nicht als Bewerber zur Verfügung stehen. Und dann werden dieselben Unternehmen, die jetzt abtauchen, mit Tränen in den Augen die Politik drängen, doch endlich etwas zu tun.
8. Komplexität erfordert Kompetenz
Sie sehen: Die Automatisierungswelt wird nicht einfacher, sondern vielfältiger und damit komplexer. Damit werden die Herausforderungen für Anlagenbetreiber in Fertigungs- und Prozessindustrie noch größer als bisher. Sie können nicht „Fachleute für alles“ sein und müssen das auch nicht. Aber sie brauchen unbedingt die Ausschreibungs- und Bewertungskompetenz, denn nur sie wissen, was ihr Unternehmen wirklich braucht. Einfach nur einen Hersteller anzurufen und zu fragen, was der gerade empfiehlt, ist die teuerste aller Möglichkeiten und macht aus Ihrem Betrieb ein spannendes Industriemuseum, in dem Sie von jeder Lösung genau ein Exemplar betreiben.
Messen, und auch Fachmagazine wie das atp magazin, hefen Ihnen dabei, den Überblick zu behalten und wirklich sinnvoll nach vorne zu gehen.
Dr.-Ing. Thomas Tauchnitz
Chefredakteur Industry atp magazin
atp@TAUTOMATION.consulting







